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Einleitung
em„ Technischen Jahrhundert" haben sich mit der wissenschaftlichen Erschließung allerTeile der bewohnten Erde im Weltverkehr die Kunstleistungen aller Länder dargeboten undwie die Kunst zu allen Zeiten den gesamten Lebensinhalt in ihrem Schaffen abspiegelt habendiese künstlerischen Ausdrucksformen unsere Schöpfungen nicht immer im Sinne des guten Geschmackesbeeinflußt. Es bedarf des sicheren Grundes der volkstümlichen Kunst auf allen Linien, umder vielfach eingetretenen Zersetzung unseres überlieferten Kunstsinnes zu begegnen.
In ihr und mit ihr, die längst schon dem kunstgewerblichen Schaffen in Europa Muster undVorbild geworden ist, hat die farbenfreudige und stilvolle Volkskunst Südosteuropas in denkunstgewerblichen Museen wie auch in den Sammlungen zur wissenschaftlichen Volkskunde seitden Tagen der Erschließung des orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Kunstgewerbes in immer größerem AusmaßEingang gefunden.
Die wissenschaftliche Erforschung, die seinerzeit durch die Arbeiten A. Riegls geradeauf diesen Gebieten glänzend eingeleitet schien, hat mit dieser Stofferweiterung aber keineswegsirgendwie Schritt gehalten.
Freilich bieten sich einer Darstellung der volkskünstlerischen Arbeiten in geschlossener Masse,wie sie zur Erkenntnis durchgreifender Züge in ihrer Artung und Entwicklung unerläßlich ist, geradehier bedeutende Schwierigkeiten.
Ist doch der zu behandelnde Stoff kaum irgendwo noch systematisch zusammengetragen,geschweige denn kunst- und kulturgeschichtlich verarbeitet worden.
Nur für den Schmuck hat M. Haberlandts„ Völkerschmuck" eine fast vollständigeÜbersicht über den in den europäischen Sammlungen geborgenen Stoff geboten, ohne die eineallgemein vergleichende Untersuchung desselben überhaupt nicht möglich wäre.
Für die Textilarbeiten sind die Grundzüge der Behandlungsweise auch für einzelne Gruppender Balkanvolkskunst gleichfalls von M. Haberlandt in seiner„ Österreichischen Volkskunst“festgelegt worden, wie auch A. Riegl hiefür hauptsächlich ornament- geschichtliche Unterlagengeschaffen hat. Insgesamt aber boten die im Museum für Volkskunde in Wien in langjährigemAufbau geeinten Sammlungen die wichtigste Unterlage für die stoffliche Seite der Darstellung. Zuklaren und eindeutigen Zuschreibungen konnte dieser Stoff- abgesehen von der Vergleichungmit anderem Museumsmaterial aber erst durch„ quellenmäßige" örtliche Studien geläutertwerden, eine Aufgabe, der sich der Verfasser gelegentlich einer wissenschaftlichen Balkan-expedition, Sommer 1916, unterzogen hat.
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So erscheint als das erste Problem, dessen Lösung die vorliegende Arbeit herbeizuführenbemüht ist, die Feststellung des überhaupt vorhandenen Volksbesitzes, seiner technologischen Gruppenund landschaftlichen Verteilung.
Das zweite Problem bildet die Zuschreibung der Arbeiten an bestimmte Werkstätten,allgemeiner gesprochen, Gewerbsformen und die Erkenntnis der volksmäßigen und kulturellenVoraussetzungen, unter denen sie entstehen.
Die dritte Aufgabe sehen wir in der Zusammenfassung der Arbeiten zu größeren stilistischenGruppen, die vierte endlich in der zeitlichen und räumlichen Einordnung dieser Gruppen in denEntwicklungsgang der europäischen Kunst überhaupt, Probleme, die anbetracht der Vielfältigkeitdes vorliegenden Stoffes allerdings nur durch eine etwas schwierige Darstellungsweise, das Eingehenin all seine vielgestaltigen Einzelzüge, ihrer Lösung zugeführt werden können,
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