VOLKSKUNST, POPULÄRE ÄSTHETIK
mit den Bemühungen um die künstlerischen Produktionen des Volkes konfrontiertund steuerte zunächst selbst eine Untersuchung über die„ Textile Hausindustrie inÖsterreich" bei.52 Der Mangel an einer wissenschaftlichen Abgrenzung der„ Volks-kunst" gegenüber der internationalen Kunst( der industriellen Kunstproduktion) läßtihn nach Bestimmungskriterien suchen, wobei er nicht ästhetische Kategorien heran-zieht, sondern, wohl in Anlehnung an Jacob von Falke, solche aus dem Bereich derÖkonomie. Riegl stützt sich dabei auf die Gliederung der Betriebssysteme nach KarlBücher, der fünf Hauptstufen unterscheidet, deren Abfolge gleichsam einer Geschichteder Wirtschaftsentwicklung entspricht.53 Bücher zieht dabei eine Entwicklungslinievom Hauswerk( Hausfleiß) über das Lohnwerk mit seinen beiden Formen der Stör bzw.dem Heimwerk, das Preiswerk( Handwerk), bis zum Industrie- und zum Verlagssystem,der sog. Hausindustrie.
Riegl ordnet nun die„ Volkskunst", in der er die niedrigste Stufe der künstleri-schen Entwicklung sieht, der niedrigsten Wirtschaftsstufe, dem Hausfleiß, zu. VonVolkskunst“ wäre mit Riegl demnach nur bei jenen Produkten zu sprechen, die imHaus mit selbsterzeugten Materialien für den eigenen Gebrauch hergestellt werden.Dazu kommen nach Riegl aber noch zwei weitere Kriterien:
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1. Die einzelnen Formen, aus denen sich dieselbe zusammensetzt, dürfen nichtbloẞ einer bestimmten Gesellschaftsschicht, etwa den Besitzenden angehören, sondernsie müssen allen Volksangehörigen gemeinsam sein, d. h. von allen gekannt, verstan-den und von allen praktisch ausgeübt werden.
2. Die Formen der Volkskunst müssen im Wege der Tradition, der fortwährendenunabänderlichen Übung hergebracht sein. Da diese primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Wirtschaftsstufe in Eu-ropa aber weitgehend überwunden sei, wäre auch die„ Volkskunst“ weitgehend ver-schwunden. Nur im Osten, auf dem Balkan, hätten sich Relikte erhalten. Diese zuentdecken wäre Aufgabe der Volkskunstforschung. Bei Alois Riegl dominiert somitder ökonomische Aspekt.
Diese enge Auslegung von„ Volkskunst“ wurde, wie wir hörten, aber nicht nurbereits bei der Weltausstellung in Wien, sondern auch von der Sammlungspraxis amWiener Volkskundemuseum überrollt, das durchaus auch die Produkte des Handwerksund der traditionellen Hausindustrie in die Sammlungen aufnahm.
Im Gegensatz zu Alois Riegl hat sich Michael Haberlandt weniger mit theore-tischen Begriffsbestimmungen beschäftigt. Er konzentrierte sich ganz auf die Auf-sammlung und war bestrebt, diese in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Bereitsbei der Ausstellung über die„ Österreichische Hausindustrie", zu der er eine Begleitver-öffentlichung verfaßte, 54 besonders aber dann bei seinem Hauptwerk über die„ Öster-
52 Ders.: Textile Hausindustrie in Österreich. In: Mitth. d. k. k. Österr. Museums f. Kunst u. Industrie, N. F. Bd II,S. 411-419, 431-435.
53 Bücher, Karl: Die gewerblichen Betriebssysteme in ihrer geschichtlichen Entwicklung. In: Die Entstehung derVolkswirtschaft. Tübingen 1919; Siehe dazu Buchta, Friedrich: Zum Begriff der Hausindustrie in der Volks-kunde. Phil. Diss. Wien 1969.
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