DIE GESTALT DER BERCHT UND IHRE ERSCHEINUNGSFORMEN IN ÖSTERREICH
im Land Salzburg ohne neue„ Perchten( Krampus) paẞ". 12 Vor unseren Augen vollziehtsich ein Prozeß, der unsere vollste Aufmerksamkeit verdient. Wir sind aufgerufen, unsdiesem Phänomen zu stellen, es zu dokumentieren und zu analysieren. Und wir soll-ten dabei unser eigenes Tun, die Rolle der Volkskunde und die ihres Handlangers, dieHeimatpflege, mit in Rechnung stellen. Denn es scheint doch so, daß die Geister, diewir riefen, uns über den Kopf wachsen, daß sie sich nicht mehr bändigen lassen undzum folkloristischen Wildwuchs werden.
Wie sehr man sich für einen neuen Maskenbrauch die Legitimation von derVolkskunde holt, möge das Beispiel der„ Perchten in Oberdrauburg" in Kärnten zei-gen. In der„ Österreichischen Narren- Presse" geben Arnold Gallhuber und der Prä-sident der Oberdrauburger Faschingsgilde, Diplomkaufmann Max Lilla, eine„ kleinevolkskundliche Betrachtung über das Perchtenlaufen unter Berücksichtigung der Ge-genwartsverhältnisse." 13 Unter Beiziehung des„ Taschenwörterbuches der VolkskundeÖsterreichs" glauben sie feststellen zu können, daß der Mythos der Bercht zu jenenElementen gehört,„ die uns auf ein südgermanisches, dem christlichen Weihnachtenvorausgehendes, Mittwinterfest schließen lassen.“ Sie sind daher auch nicht verlegen,die neuangeschafften Groteskmasken der Oberdrauburger Karnevalsgesellschaft, mitdenen man nach Osttiroler Vorbild die alten Krampuslarven ersetzte, als Perchtenmas-ken zu bezeichnen. Volksetymologisch geht das so: Aus„ Bartl", wie in Oberkärntender Name für den Krampus lautet, wird kurzerhand ein„ Perchtl" und eine„ Perchte“!Um dieses Vorgehen volkskundlich„ abzusichern", beruft man sich auf den„ Nes-tor österreichischer Volkskundeforschung", auf Universitätsprofessor Viktor von Ge-ramb, bei dem man das Zauberwort„ Wiederbelebung“ findet. Dazu zitiert man ausseinem 1924 erschienenen und nach dem Krieg neu aufgelegten Buch„ DeutschesBrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum in Österreich" 14:„ Das Berchtenlaufen und der Berchtentanz: Es sind diesMummereien und Lärmumzüge in der Dreikönigsnacht. In den deutschen Alpenlän-dern( da und dort noch lebendig, sonst aber erst seit kurzer Zeit abgestorben und dahersicher der Wiederbelebung fähig) unter verschiedenen Bezeichnungen: Berchtenjagen,Perchtlaufen, Perchtlspringen, Glöckln, Perchtln, Beriggeln, usw." Und dann schrei-ben die beiden weiter¹5:„ Im Rahmen der Gerambschen Ausführungen erscheint mirder Hinweis auf die Wiederbelebung und die direkt ausgesprochene Erwartung einersolchen besonders sinnfällig, vielleicht auch deshalb so willkommen, weil sie denOberdrauburgern dadurch die, Vollmacht' zu ihrem in Kreisen der älteren Volkskund-ler nicht ohne scheele Seitenhiebe aufgenommene Initiative erteilt“.
12 Der von Hutter( wie Anm. 9) zusammengestellte Dokumentationsband macht deutlich, daß viele Passen erstin den letzten Jahren entstanden.
13 Gallhuber, Arnold, Max Lilla: Perchten in Oberdrauburg. Eine kleine volkskundliche Betrachtung über dasPerchtenlaufen unter Berücksichtigung der Gegenwartsverhältnisse. In: Österreichische Narren- Presse, Folge3, 1968, S. 1-3, Abb.
14 Geramb, Viktor von: Deutsches Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum in Österreich. Ein Buch zur Kenntnis und zur Pflege guter Sittenund Bräuche. Graz 1924, S. 20.
15 Gallhuber( wie Anm. 13), S. 3.
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