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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
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> 1985

Zum Stellenwert einer gegenwartsbezogenen Brauchforschung

Die Einladung zur Tagung Gegenwartsvolkskunde. Dokumentation und For-schung" ziert ein Foto, auf dem junge Männer gerade einen schlanken, bis auf denWipfel geschälten Nadelbaum am Stadtplatz von Mattersburg aufstellen. Da währendder Tagung, die im Mai stattfand, aber kein solches Festzeichen in Mattersburg zusehen war, kann es sich um keinen Maibaum, sondern nur um einen Kirtagsbaumhandeln. Die abgebildete Szene spielt am Vorabend des Kirtages, der in Mattersburgam Sonntag nach Fronleichnam begangen wird. Am Sonntag beginnt der Festtag miteinem gemeinsamen Kirchgang.² Nach dem Essen treffen sich die Burschen in ihremStammwirtshaus, wo sie vom Wirt Weinflaschen und Gläser erhalten. Nachdem sie aufder Gasse drei Stückln getanzt haben, ziehen sie damit zum Haus der Rowischmeis-terin, dem Mädchen des Rowischmeisters, wie der Wortführer der Burschen in Matters-burg heißt. Hier haben sich inzwischen auch die Mädchen versammelt, und gemein-sam läẞt man sich die reichliche Bewirtung munden. Dann erbittet der Rowischmeistervon seinem Mädchen den festlich geschmückten Pflug". Dieser Pflug", der auch als,, Burschenstock" bezeichnet wird, besteht aus einem waagrechten Brett, auf dem einekleine geschnitzte Figurengruppe angebracht ist, die ein Pferdegespann mit einempflügenden Bauern zeigt. Dieser sogenannte Pflug" stellt das Gemeinschaftssymbolder Burschen dar, das während des Jahres über dem Stammtisch im Gasthaus hängt,am Kirtag jedoch zu den Mädchen gebracht wird. Alle von den Burschen zum Tanzeingeladenen Mädchen knüpfen zum Zeichen der Teilnahme ein buntes Band, das mitder Kleidung korrespondiert, an die Unterseite des Pfluges". Am Nachmittag holendie Burschen nun ihr Zeichen von der Rowischmeisterin ab und zeigen es bei einemersten gemeinsamen Tanz im Hof der schaulustigen Bevölkerung. Anschließend wirdmit Musik zum Hauptplatz marschiert, wo die Burschen ihr Vivat" den Honoratiorendarbringen. Dann wird der Pflug auf dem Kirtagsbaum aufgezogen und um denBaum getanzt. Einen Höhepunkt bildet der eigenartige Springtanz der Burschen, der

1 Das heißt aber nicht, daß es im Burgenland keine Maibäume gibt. Über Die Fülle der Maibäume" erfährt manbei Petrei, Bertl: Lebendiges Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum im Burgenland. Eisenstadt o.J., S. 93 ff.- Vgl. dazu Burgstaller, Ernst:Maibaum I, II, III. In: Österreichischer Volkskundeatlas, 3. Lfg.( 1968), Bll. 48, 49, 50 und Kommentar.

2 Meine Schilderung des Festes folgt Bertl Petrei( wie Anm. 1), S. 33 ff.

3 Als Rowisch bezeichnet man den Zählstab des Burschenvaters, der gleichzeitig als sein Würdezeichen dient.Das Wort kommt vom ungarischen roväs" und bedeutet Einschnitt, Kerbe.

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