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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
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EXKURS: SCHÜTZEN

Eine kleine Kulturgeschichte der Schießscheibe

> 1976

Das Schützenwesen hat seine Lebendigkeit über Jahrhunderte bewahrt. Wie zurZeit des Spätmittelalters zählt auch heute noch in Deutschland, Österreich und derSchweiz, aber auch in Nordfrankreich, Belgien und Holland wie in den Ländern desöstlichen Mitteleuropas der Schuß auf den Vogel oder auf die bemalte Scheibe zumHöhepunkt des Schützenfestes. Nicht um eines lieben alten Brauches willen, sondernweil die Würde eines Schützenkönigs nach wie vor gesellschaftlich erstrebenswert istund weil gerade auf die bemalte Scheibe die wertvollsten Preise ausgesetzt sind. Dadem Schützen bei diesem Wettkampf nur ein Schuß zur Verfügung steht, spielt nebendem Können das Glück eine entscheidende Rolle.

Is d'Kugel ausm Lauf

Halt s' koa Teufel mehr auf!

Gerade diese Unabwägbarkeit läßt jeden gleichermaßen auf den Sieg hoffen undmacht den Zauber des Wettkampfes aus. Der Schuß ins Zentrum gewährleistet gleicheVoraussetzungen und zeichnet das traditionelle Schießen gegenüber dem sportlichenund militärischen Schießen aus. Es ist ein Streben nach dem Vollkommenen, denn dasZentrum ist absolut.

Diese Scheiben werden daher auch nicht achtlos beiseite gelegt, sondern mit denNamen oder den Nummern der Schützen versehen und zu den übrigen gehängt, diebereits Plafond und Wände des Schützenhauses zieren, um der Nachwelt von demEreignis und vom Anlaß des Wettkampfes zu berichten.

Im Laufe der Jahrhunderte sammelten sich auf diese Weise in manchen Schüt-zenhäusern ganze Galerien bemalter Schützenscheiben an. Wo keine Schießstätte zurVerfügung stand, durfte der Sieger die Scheibe behalten. Wer mit offenen Augen durchdie Alpenländer fährt, wird sie allenthalben an Giebeln und Hauswänden entdecken.In vielen Fällen haben aber auch die Museen Schützenscheiben aufgenommen, um sievor der Vernichtung zu bewahren. Hier sind sie stumme Zeugen einstigen Schützenle-bens und eine bedeutende kulturhistorische Quelle für die Nachwelt.

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