GESELLSCHAFT, SOZIALES LEBEN
logische Bedingtheit von der jeweiligen Kulturobjektivation auf. Hier wäre nun auchder Ansatzpunkt für die Volkskunde als der Wissenschaft vom Leben in überliefertenOrdnungen gegeben. 18 Sie hat freilich dabei zunächst fast ausschließlich an die na-türlich gewachsene, unpersönliche Gemeinschaft gedacht, wie man sie vorzüglich beider bäuerlichen Bevölkerungsgruppe zu finden glaubte. Sie wandte sich der Familie,dem Dorf, der Burschenschaft und deren anonymen kulturellen Äußerungen zu, weilsie sie durch die industrielle Gesellschaft gefährdet sah und vor dem Verfall nocherfassen wollte. Obwohl man sich bewußt war, daß unter die„ geistigen Erzeugnissedes Kollektivgeistes der Nation", wie es Eugen Mogk 1907 formulierte, 19 auch diemodernen Turn-, Sing- und andere Vereine zu zählen wären, fiel es dennoch keinemVolkskundler ein, sie in sein Forschungsgebiet einzubeziehen. Um aus diesem Dilem-ma herauszukommen, führte Mogk den Begriff der„ psychischen Assoziation“ ein, dener dem„, reflektierenden Verstand", dem seiner Meinung nach die Vereine erwachsen,gegenüber stellt. Die große und ständig steigende Zahl der Vereinsgründungen ab der2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und ihr Vordringen bis ins kleinste Dorf führte jedochzu einem wachsenden Einfluß auf das Volksleben und machte die Diskrepanz zwischendem frühen Leitbild der Forschung und der volkskundlichen Wirklichkeit immer deut-licher.
Um die sozio- kulturelle Wirklichkeit zu erfassen, mußte daher die Volkskunde,wie es Alfred Karasek etwa am Beispiel der Maibaumfeiern der Sudetendeutschenverdeutlichte, 20 ihre Einstellung zum Vereinswesen revidieren. Als nämlich in der al-ten Heimat Vereine zögernd begannen, am 1. Mai einen Baum aufzustellen und dieseHandlung folkloristisch zu umrahmen, wandten sich die Fachleute entschieden gegendiese Entartung. In der neuen Umgebung nach der Vertreibung wurden aber geradedie landsmannschaftlichen Vereine zum Hort der Begegnung, zur Heimat, wo man alldiese folkloristischen Feste und Bräuche aufgriff und sie zum Symbol und zur Identifi-kation der eigenen Volksgruppe erhob. Die letztjährige Demonstration dieser Verbändein Wien macht nun schmerzlich bewußt, daß ähnlich intensive Untersuchungen fürWien fehlen, wobei auch an die landsmannschaftlich organisierten Vereine der Bun-desländer zu denken ist, die eng zum Wesen der Stadt gehören. In Wien lassen sichderartige Zusammenschlüsse von Volksgruppen, sogenannte„ Nationen“, sogar bis indie Barockzeit zurückführen.21
18 Schmidt, Leopold: Die Volkskunde als Geisteswissenschaft(= Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaftfür Anthropologie, Ethnologie und Prähistorie 73/77, 1947, S. 115-137). Neuabdruck in: Handbuch der Geis-teswissenschaften Bd. 2, Jg. 2, H. 1, Wien 1948, S. 7-64.
19 Mogk, Eugen: Wesen und Aufgaben der Volkskunde(= Mitteilungen des Verbandes deutscher Vereine fürVolkskunde, Korrespondenzblatt, Nr. 6, 1907, S. 1-9). Neuabdruck in: Lutz, Gerhard: Volkskunde. Ein Hand-buch zur Geschichte ihrer Probleme. Berlin 1958, S. 89-99.
20 Karasek, Alfred: Sudetendeutsche Maibaumfeiern daheim und in Westdeutschland. Ein Beitrag zum Brauch-tum Glossar ::: zum Glossareintrag tum der Vereine und der Verbände(= Festschrift für Alfons Perlick, Schriftenreihe der Kommission für Volks-kunde der Heimatvertriebenen, Bd. 2). Dortmund 1960.
21 Dörrer, Anton: Die„ Tyroler Nation" in Wien(= Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich und WienXXIX, 1948, S. 280 ff.).
96
96