VOLKSCHARAKTER UND SITTEN IN GMUNDEN
„ So wird auch ein Christbaum in der Gmundner Kleinkinder- Bewahranstalt auf-gestellt, von welchem viele Kinder betheilt werden. Der zweite wird von dem Frauen-verein und wohlwollenden Kinderfreunden für arme Schulkinder der Stadts Volks- undNebenschule Weyer errichtet, von welchem 160 bis 170 Kinder mit Kleidungsstücken,Wäsche, Geld, EBwaaren und dergleichen betheilt werden.38
Im Gegensatz zu den Nachrichten über das Weihnachtsfest ist hingegen wiederfraglich, ob die abergläubischen Praktiken beim„ Läßln“ am Thomastag- Abend oderdas„ Kreis- Stehen" in der Christnacht, die inzwischen längst abgekommen sind, zuseiner Zeit noch geübt wurden oder ob er die Kenntnis nicht wieder aus der damalsbekannten Literatur übernimmt. Die Erwähnung des Räucherns und des Beschriftensder Türen mit der Segensformel C.M.B. ist uns freilich heute noch geläufig. Die Fest-stellung, daß- neben Weihnachten, Neujahr und Dreikönig- auch das Taganschießenzu Mariä Lichtmeß, zu Ostern und zu Pfingsten als Rauhnachtschießen bezeichnetwird, stimmt wohl auch für die damalige Zeit nicht.
Sehr bemerkenswert sind die Hinweise Carl Ritters auf die Festtagsspeisen. Indemer erkennt, daß jedes Fest, jede Jahreszeit durch gewisse Speisen gekennzeichnetwerden“, erweist er sich als ein früher Nahrungsvolkskundler. Während P. AmandBaumgarten die einzelnen Speisen und Gebäcke noch bei den jeweiligen Brauchter-minen erwähnt, faßt Ritter sie thematisch in einem eigenen kurzen Absatz zusam-men. Im einzelnen nennt er die Krapfen zu Dreikönig, im Fasching und zu Johannes( Sonnwend), den gebackenen Holler ebenfalls zu Johannes, zu Ostern die roten Eier,geweihtes Fleisch und den Osterflecken, als Gebildbrote den Allerheiligenstriezel undden„ Störi“ zu Weihnachten. An weiteren brauchtumsgebundenen Glossar ::: zum Glossareintrag brauchtumsgebundenen Speisen zählt Ritterdas Martinigansl und die Bratwürste am ersten Adventsonntag( Bratwürstlsonntag)auf. Überaus allgemein gehalten ist sein Beitrag über die Unterhaltungen, der aber-mals stark an Johann Steiner erinnert. Es handelt sich im wesentlichen nur um eineAufzählung bekannter Volkssportarten, darunter auch das„ Scheiben- und Balester-schießen auf und neben den Schießstätten".39 Eine Ausnahme bildet der Hinweis aufden Sylvesterabend, den er merkwürdigerweise nicht bei den Gebräuchen anführt undmit dem er uns abermals Einblick in die Gmundner Vereinskultur am Ausgang des19. Jahrhunderts gewährt.
38 Über die städtische Kinderfürsorge berichtet Krackowizer( wie Anm. 2), 2. Bd., 1899, S. 24 ff.; Das Behängender Christbäume mit Geschenken sowohl im privaten Bereich wie auch in den Kinderbewahranstalten erinnertdaran, daß solche Gabenbäume für arme Kinder im Rheinland bereits im 16. Jahrhundert in den Stuben derZünfte standen.
39 Grieshofer, Franz J.: Das Schützenwesen im Salzkammergut. Linz 1977.
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