2005, Heft 2-3
Ethnographische Alpenforschung als ,, public science"
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Vor dem Ersten Weltkrieg gelten freilich weitgehend noch andereDeutungsmuster und Paradigmen- auch andere Spielregeln der Wis-senschaftspraxis. Bei Michael Haberlandt, dem zunächst vielbewun-derten akademischen Mentor Eugenie Goldsterns, und seinen Zeitge-nossen fehlt das später etwa auch bei seinem Sohn Arthur zu findendeArgument des Alpinen als Übungsgelände der Volksgemeinschaft. 20In Haberlandts Konzept von Ethnologie haben die Reliktgebiete derAlpen dagegen ihren Platz als nahe gelegene Exerzierfelder für eineEthnographie der europäischen Randvölker', gleichsam die eth-nisch- kulturelle innere Peripherie darstellend, von der aus sich dievolksgeschichtlichen und-kulturellen Verhältnisse des Kontinentsbesonders aufschlussreich erklären lassen.21
Dennoch ist auch Eugenie Goldstern von den zeitgenössischenVorstellungen der im Gebirge reiner erhalten gebliebenen Kulturfor-men nicht ganz frei, wenn sie vor, während und kurz nach dem ErstenWeltkrieg die Alpen forschend bereist. Gleichwohl sie im Vorwort derBessans- Studie die in der Literatur angeblich überlieferte Rede vonden ,, westeuropäischen Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos“ zurückweist, verbindet sie ihr In-teresse mit einer seinerzeit klassischen Formel:„[...] so bietet den-noch Bessans, die zweithöchste, vom großen Verkehr abgelegeneGemeinde der Maurienne( 1743 m), noch so manches Bemerkens-werte in bezug auf Hausformen, auf wirtschaftlichen Betrieb, aufSitte und Brauch. 22 Goldstern steckt also ihr Terrain als räumlichentrückt ab und bewirkt damit zugleich eine zeitliche Distanzierung.Das Gebiet, für das Sie sich interessiert, erstreckt sich in diesem Fall,, von der Quelle des Flusses Arc[...] bis Modane, der letzten Eisen-bahnstation der Maurienne". Von ihm sagt sie: ,,[ es] bildet in Hinsichtauf Hausformen, Sitten und Bräuche ein Gebiet für sich".23 Und auch
20 Bemerkenswerter Weise argumentiert Arthur Haberlandt gerade in einem für diesozialdemokratischen Naturfreunde verfassten Beitrag in diese Richtung- Ha-berlandt, Art( h) ur: Über Volks- und Gebirgstrachten. In: Der Naturfreund, 1927,H. 7/8, 3 Seiten nicht paginiert.
21 Vgl. zu dieser Argumentation auch den Beitrag von Reinhard Johler in diesemBand.22 Goldstern, Eugenie: Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden. Ein Beitragzur romanischen Volkskunde(= Supplement- Heft XIV zur Wiener Zeitschrift fürVolkskunde 27/1921), Bd. I. Bessans. Volkskundlich- monographische Studieüber eine savoyische Hochgebirgsgemeinde( Frankreich). Wien 1922, S. 3( nichtpaginiert).
23 Ebd., S. 5( nicht paginiert).