Aus der Werkstatt des Wörterbuches der
Wiener Mundart
Von Maria Hornung, Wien
Zahlreiche Versuche wurden im Laufe von Jahrhunderten unternommen,um ein Wörterbuch der Wiener Mundart zu schaffen. Keines der tatsächlicherschienenen Bücher konnte bisher das erwünschte Ziel erreichen, alle Zeit-,Raum- und Sozialschichten dieses so komplexen Stadtidioms zu erfassen. Dererste Versuch ¹), Wiener Dialektwörter gesammelt vorzulegen, entsprang dempraktischen Bedürfnis der schweizerischen Hofbeamten, die im Gefolge Rudolfsvon Habsburg nach Wien gekommen waren, sich mit der ihnen fremden WienerAusdrucksweise besser vertraut zu machen. Dieses hochinteressante Werkleinwar noch bis in unser Jahrhundert hinein bekannt, gilt aber jetzt als verschol-len. Im 17. und 18. Jahrhundert einsetzende Wortsammlungen entsprachen demStil des Raritätenkabinetts und der Kuriositätensammlung auf sprachlichemGebiet. So legte der Altorfer Professor Johann Heumann 1747 in seinen Opus-cula ein„ Verzeichnis der Wiener vom Hochdeutschen abweichenden Wörter"vor. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verweist Nicolai auf ein inBamberg 1768 erschienenes Wiener Kochbuch, dessen zweiter Auflage( 1772) einGlossar beigegeben werden mußte, um es verständlich zu machen. Bei Nicolai,dem die österreichische Ausdrucksweise lustig und naiv erscheint, wie schon vor-her bei J. H. G. v. Justi( Anweisung zu einer guten deutschen Schreibart, 1755)läßt sich das Mißfallen an mundartlicher Ausdrucksweise nicht überhören.
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Erst mit dem Erwachen germanistischer Forschung nicht zuletzt unterdem Einfluß der deutschen Romantik wendet sich echtes Interesse der Auf-sammlung mundartlichen Wortgutes zu. Im Jahre 1800 erschien das erste öster-reichische Idiotikon„ Mundart der Österreicher oder Kern aller österreichischenPhrasen", dem eine zweite Auflage 1811 und eine dritte 1824 folgten. Es warvorwiegend am Wienerischen orientiert. 1825 kam in Hormayrs Archiv einIdioticon Viennense heraus, 1847 ein weiteres von Karl Loritza. Der Schotten-geistliche Hugo Mareta veröffentlichte 1861 und 1865,, Proben zu einem Wörter-buch der österreichischen Volkssprache". Rund alle 25 Jahre erschien sodann einweiteres Wiener Wörterbuch: Franz S. Hügel, Der Wiener Dialekt, Lexikonder Wiener Volkssprache, 1873; Eduard Maria Schranka, Wiener Dialekt-Lexikon, 1905; Julius Jakob, Wörterbuch des Wiener Dialekts, 1929; MauritzSchuster, Alt- Wienerisch. Ein Wörterbuch veralternder und veralteter WienerAusdrücke und Redensarten der letzten sieben Jahrzehnte, 1951. Von ihnenallen hat Jakobs Buch mit rund 4300 Stichwörtern den größten Umfang. Schu-ster legte nur etwa 1200 Stichwörter vor, gab aber wiederholt einen etwas aus-führlicheren Kommentar. Nur wenig bekannt wurde die Tatsache, daß derWiener Essayist Rudolf Stürzer ebenfalls an einem Manuskript eines Wiener
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