Mythos und Religion
Zum Phänomen des Volkstümlichen in den Tagebüchern Julien Greens
Von Leander Petzoldt, Freiburg i. Br.
Julien Green gilt als Dichter des Leidens, als ein Dichter, der eine Welt,, des Alptraums und des schleichenden Wahnsinns" 1) beschreibt. Seine Romanesind, unerklärlich düstere Bücher', sie schildern die Hölle auf Erden und arti-kulieren Greens Anklage gegen die menschliche Bedingtheit. Auch sein neuester,nach zehnjähriger Pause erschienener Roman" L'autre" macht darin keine Aus-nahme 2). Man hat den heute Einundsiebzigjährigen einen Dichter des, magi-schen Realismus' ³) genannt, und in der Tat scheint ihm das logisch Konstruierteunglaubwürdig,„ das Phantastische hingegen wahrscheinlich zu sein" 4). Green,der mit fünfzehn Jahren zum Katholizismus konvertierte, später sich demBuddhismus zuwandte und nach der Lektüre des„ Tractat vom Fegefeuer" derKatharina von Genua und unter dem Einfluß Jaques Maritains 1939 zum zwei-ten Male konvertierte, beschreibt die Kirche als letzten Hort der Poesie, eine,, Enklave des Irrationalen in der Welt der Technik und des Rationalismus" 5).Seine Werke weisen einen starken Bezug zum Übersinnlichen auf; das Irrealedominiert. Es sei nur an den Roman„ Le visionaire" 6) erinnert, in dem mitfortschreitender Handlung Manuels Tagebücher völlig in eine Traumwelt ab-gleiten; ein Roman, den Hermann Hesse„ Eine Vision“ nennt ,,, die den Vergleichmit den stärksten Stücken der phantastischen und okkulten Literatur aushält".Auch„ Minuit" 7) ist eine„ glänzende Variation des Hintergründigen" 8), und„ Varouna"( 1940) bildet die Frucht seiner Beschäftigung mit der Religion desBuddhismus und der Vorstellung der Metempsychose. Hier verbinden sichvolkstümlich- magische Elemente mit alchimistischen Vorstellungen und einemphilosophischen Symbolismus. Eine magische Kette, in heidnischer Glossar ::: zum Glossareintrag heidnischer Vorzeit vomMeervolk dem jungen Hoël zu Füßen geworfen, ist das Zeichen einer mysti-schen Verbindung der Liebenden über Jahrhunderte hinweg. Sein Roman,, Moira") weist schon im Titel auf das Ausgeliefertsein des, Helden' an das un-erbittliche Schicksal hin. Green faßt die griechische Personifikation des Schick-sals überaus doppelsinnig. Moira ist der Name des Mädchens, das von JosephDay, einem Fanatiker der Reinheit, erwürgt wird, nachdem sie ihn verführte.Moira ist aber auch die alte keltische und heute noch im Irischen übliche Aus-sprache für Maria 10). Wie die meisten Romane Greens bewegt sich„ Moira" an,, der Grenze des Phantastischen, des Jenseitigen und Überwirklichen" 11). Traum,Vision und Märchenstoffe vermischen sich in, Si j'etais vous' 12). Die Fabel zieltauf eine echte Wiedergeburt zu Lebzeiten ab; es ist dies eine Idee, die, wieGreen im Vorwort schreibt, in seine früheste Kindheit zurückreicht. Trotz derihm zuteil werdenden Verwandlung muß Fabien erkennen, daß eigentlich alles
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