Zur Präsenz des Themas Selbstschädigung
in Volkserzählungen
Von Max Lüthi, Zürich
In Ihrem Buch„ Die Volkserzählung" legen Sie, verehrter Herr KollegeSchmidt, Ihrer Untersuchung der Sage vom geisterhaft geschlachteten undwiederbelebten Weidetier" eine Erzählung aus dem Hochwallis zugrunde, dieSie als„ Kernfassung der Sage" bezeichnen und so zusammenfassen:„ Zu Mit-ternacht hielten dort( in der Hütte der verlassenen Alpe de l'Allée westlich desDurandgletschers) Gespenster ein Mahl ab, bei dem die Kuh Rosine geschlach-tet wurde. Dem Hirten wurde von den Gespenstern ein Stück angeboten, daser essen mußte. Dann legten die Gespenster die Knochen auf der Haut zu-sammen. Am Morgen war die Kuh wieder ganz lebendig, nur das vom Hirtengegessene Stück fehlte ihr." 1) Zum Verständnis dieses Sagentyps und seineszentralen Motivs weisen Sie darauf hin, daß„ Hochalpenhirten sich um dasihnen anvertraute Vieh so sehr sorgen, daß ihnen diese Sorge auch zum Ge-genstand ihrer Träume wird". Sie heben hervor, daß in solchen Träumen derHirten die Beschädigung des Tieres... ihnen selbst zufällt" und nicht denGeistern, die es schlachten 2). Der Hirt sieht sich als Schädiger seines Viehsund damit seiner selbst. So erweist sich„ das Motiv vom geschlachteten undwiederbelebten Tier" als Träger des Themas der Selbstschädigung, das einigender profiliertesten Alpensagen innewohnt. Zu ihnen rechne ich die Sage vonder Sennenpuppe, der Sie, verehrter Herr Schmidt, ebenfalls eine Abhandlunggewidmet haben ³). Zeugnisse der starken Faszinationskraft gerade diesesSagentyps: Eduard Renner glaubt sagen zu dürfen, daß die ihm zugehörigenSagen„ meist großzügiger und großartiger erzählt" werden„ als alle anderenSagen":„ Der blödeste Erzähler scheint zu merken, daß er hier etwas ganzGewaltiges berichtet." 4) Jakob Wyrsch spricht„ von dem gewaltigsten Sagen-stoff der Innerschweiz" 5). Richard Weiß machte die Sage vom Sennentunschzum Ausgangspunkt und zur Grundlage seiner letzten Sagenvorlesung(„ DasWeltbild der Sage", 1960/61), und sein Schüler Gotthilf Isler wählte sie aus,um auf Grund der Jungschen Psychologie und Anthropologie die Wesensart derVolkssage überhaupt zu erhellen 6). An die Seite der Mediziner Renner undWyrsch, der Volkskundler Weiß und Schmidt und des Psychologen Isler trittdie Dichterin: Luise Kaschnitz hat unter dem Titel„ Der Tunsch“ eine Erzäh-lung geschrieben, die von der Substanz unseres Sagenstoffs lebt 7). Kern diesesSagenstoffs: Sennen in der Einsamkeit ihres Alplebens formen sich, meist ausLumpen und Holz, einen lebensgroßen„ Toggel", dem sie Nidel ans Maulschmieren oder Spielkarten in die Hand drücken, bis er wirklich zu essen oderzu spielen anfängt, riesenhaft aufschwillt und beim Alpabzug verlangt, daß der
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