,, Calembourg"
Zur Mobilität populärer Lesestoffe
Von Elfriede Moser- Rath, Göttingen
In einer Geschichte französischer Popularliteratur von 1854 ¹) ist das Kapitelüber die heiteren Volksbücher mit„ Facéties, bon mots, calembours" über-schrieben. Im Text ist öfters von calembour( g) s in der Bedeutung von Wortwitzoder scherzhafter Wortspielerei die Rede. Man muß wohl nicht in Wien geborenund von Leopold Schmidt in die Erzählforschung eingeführt worden sein, umbei dieser Bezeichnung an ein berühmtes Schwankbuch, die Geschichte desPfaffen von Kahlenberg 2), erinnert zu werden.
Daß dies keine neue Entdeckung, vielmehr eine schon lang umstritteneFrage ist, ergab die weitere Lektüre im einschlägigen Themenkreis. Es ist sogarerstaunlich viel darüber geschrieben worden, nicht nur von französischen, son-dern auch von deutschen Philologen. Denn calembour war Ende des 18. Jahr-hunderts auch in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen, als Charakte-ristikum der französischen Konversation und als eher abfällige Bezeichnung fürplatte Einfälle oder faule Wortspiele, eben im Sinn von Kalauer, der nichts,wie mitunter vermutet, mit dem Städtchen Kalau zu tun haben, sondern um1850 aus einer Verschleifung von calembour entstanden sein soll ³). Im„ Journaldes Luxus und der Moden" von 1805, in Goethes Briefwechsel mit Zelter, beiE. T. A. Hoffmann und vielen anderen ist noch das französische Fremdwort zufinden 4). Karl Gutzkow gab in seinen Reiseeindrücken von 1845 folgende Erklä-rung dazu:„ Ein kahlenberger Spaß ist ein Calembour, ein, Wiener Bär"", wasihm an Ort und Stelle aufgegangen oder aus der Literatur bekannt gewordensein mag 5). Da es hier nicht nur um die Geschichte eines Wortes, sondern umVermittlungsprobleme im Bereich volkstümlichen Lesestoffes geht, schien esverlockend, die Spuren weiter zu verfolgen.
In älteren literarwissenschaftlichen Arbeiten ist der mögliche Bezug voncalembour( g) auf den Pfaffen von Kahlenberg durchaus präsent. Wilhelm Hein-rich Wackernagel schreibt beispielsweise in einer Miszelle von 1846:„ Der Namedes Kalenbergers war sprichwörtlich, seine Abenteuer landläufige Anekdoten,noch im sechzehnten, noch im siebzehnten Jahrhundert... Selbst die Calem-bourgs der Franzosen mögen von ihm den Namen haben." 6)
1854 bemerkt J. M. Lappenberg in seiner Eulenspiegel- Ausgabe"), wierasch doch deutsche Schwankbücher nach Frankreich gelangt wären. So sei daserstmals 1494 aufgelegte„ Narrenschiff" des Sebastian Brant schon drei Jahredanach in zwei französischen Übersetzungen in Paris nachzuweisen.„ Nicht vielspäter", meint Lappenberg,„ dürfte in Frankreich der Pfaffe von Kahlenbergbekannt geworden sein und Eingang gefunden haben. Der in die Weltsprache
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