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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Die Volkserzählungen Mallorcas

Versuch einer kartographischen Erfassung

( Mit einer Karte im Text)

Von Felix Karlinger, Salzburg

Zwar fehlt für Mallorca noch eine so umfassende Bibliographie der bisherin Druck und Manuskript festgehaltenen Volkserzählungen wie wir sie für dieInsel Sardinien in der vorbildlichen analytischen Bibliographie Enrica Delitalashaben ¹), aber der reiche Niederschlag, den das mallorquinische Erzählgut ingedruckten Ausgaben gefunden hat, erlaubt doch, eine Karte zu entwerfen, zuderen Ergänzungen höchstens noch kleinere Lokalsagen kommen dürften, denngrößere Erzählkomplexe, die nicht bereits aufgenommen wären, sind heutekaum mehr feststellbar.

Man darf freilich nicht meinen, unsere Karte, für deren technische Gestal-tung ich Frau Dr. Kristin Müller zu Dank verpflichtet bin, könnte ein Bild destatsächlichen Vorkommens heutiger oder ehemaliger Erzählpraxis vermitteln.Dazu wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig systematisch gesammelt.Es ist zwar kein reines Spiel des Zufalles, daß bestimmte Orte so reich vertre-ten sind und gewisse weiße Flecken" auftreten, denn die Sammler haben sehrwohl gewußt, wo die Quellen der Erzähltradition reicher und wo sie spärlicherflossen; aber trotzdem sind mancherlei subjektive Momente für die Wahl derOrte, an denen gesammelt wurde, von nicht zu unterschätzender Bedeutung.Es war eben wichtig, wo jeweils die Sammler entweder selbst beheimatetwaren oder ihre Sommerfrische wählten, und wo sie entweder Besitzungenoder Freunde hatten. Vielerlei Imponderabilien haben sich so auf die Sammel-tätigkeit ausgewirkt.

Die Periode, in der auf Mallorca vor allem Volkserzählungen gesammeltwurden, umfaßt etwa einen Zeitraum von fünfzig Jahren, wenn man die An-fänge und die Nachläufer außer acht läßt. Die ersten mallorquinischen Märchenerschienen in Zeitschriften. 1872 begann die Revista Balear" mit der Veröffent-lichung von Märchen, wobei es sich wie etwa bei Los tres fills del Rei"noch mehr um Nachdichtungen oder doch zumindest stilisierende Nacherzäh-lungen und nicht um Originalaufnahmen handelte. Auch die Contarelles" ausder Feder von Alcover( 1885) enthalten zwar drei Märchen, die wir jedoch un-berücksichtigt lassen können. Fast allen Frühausgaben fehlen Angaben überden Erzähler und über den Ort. Erst mit den, Rondayes de Mallorca" des öster-reichischen Erzherzogs Ludwig Salvator begann 1895 eine Serie von Ausgaben,die auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Ludwig Salvator( der Sohndes letzten Großherzogs der Toscana Leopold II.) hatte sich 1872 auf der Insel

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