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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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,, Selbstdarstellung" in der Volkskunst

Ein Beitrag zum Folklorismusproblem

( Mit 7 Abbildungen auf Tafeln)

Von Franz Lipp, Linz

Die Neigung ,, sich selbst" darzustellen, das heißt, die spezifischen Eigen-tümlichkeiten des Standes oder der Gruppe", der man selbst angehört, bild-haft zum Ausdruck zu bringen, ist zumal in der alpenländischen, österreichi-schen Volkskunst, aber selbstverständlich auch darüber hinaus, hinlänglichbekannt. Um bei Gruppen" zu bleiben, ist die Selbstdarstellung" desBergmannes in der sogenannten bergmännischen Volkskunst ¹) beinahe eineRegel. Ob es sich um die Handsteine"( schon des 17. Jahrhunderts), um diein Glasflaschen eingerichteten Schaubergwerke aus Johanngeorgenstadt, umerzgebirgische Leuchterengel oder eben auch um Bergwerkszenen aus öster-reichischen Weihnachtskrippen mit Stollenbefahrung oder sogar, wie bei derHalleiner Krippe, um eine Darstellung des bergmännischen Schwerttanzes 2)handelt: die Freude, sich selbst abzuspiegeln, sich selbst zu erleben, ist diesemGrundpfeiler der ursprünglichen Volksgesellschaften unverkennbar zu eigen.Aber, um bei Gruppen oder Ständen zu bleiben, natürlich nicht nur die Berg-leute haben das Bedürfnis, sich selbst in ihren Werken wiederzufinden, inkaum geringerem Maße haben das immer wieder auch andere Handwerks-zweige getan, mit Vorliebe etwa die Zimmerleute, die kaum je versäumten,zum Beispiel an den Stadelbauten( als den spezifischen Holzbaukörpern desGehöftes) Oberösterreichs, ganz groß auch ihr Handwerkszeug abzubildenund zur Unterstützung dieses Motivs auch launige Zimmermannssprüche aufden Staubläden unter dem Strohdach anzubringen ³)( Abb. 53).

Als Hersteller auch der Mostpressen nehmen sie Gelegenheit, sich nichtnur auf den Pressen selbst, sondern etwa auch auf den Spindelhüten" 4) dieZimmermannsarbeit darzustellen. Aber nicht nur diese: auf den sechs Spindel-hüten einer Mostpresse aus Dietach bei Steyr sind auch der Bauer bei seinerArbeit, die Bäuerin am Herd, der Zimmermann und der Schmied szenischfestgehalten und mit erklärenden Versen erläutert( Abb. 54-56). Gruppen-kunst" weitet sich hier von Subjekt und Objekt her gesehen wieder zur Volks"-kunst. Mit besonderem Handwerksstolz verewigt auch der Schmied seine Hand-werkszeichen: Hammer, Zange, Hufeisen auf seinen Werken, auch wenn es sichnicht, wie so häufig, um den Werkstättenschild, hier ist es selbstverständlich,sondern um ein Grabkreuz oder um einen Glockenzug handelt 5). Ist es beimSchmiedehandwerk technisch schwierig, sich selbst auch figural bei der Arbeit

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