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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Zeichen und Zierat in der Volkskunst

Von Torsten Gebhard, München

In den letzten Jahren hat man den volkstümlichen Bezeichnungen auf demGebiet des Gerätewesens erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt, aus der rich-tigen Überlegung, daß uns diese Bezeichnungen, wie sie vom Volk selbst ver-wendet wurden, Einblicke in kulturgeschichtliche Zusammenhänge verschaf-fen können. Was jedoch die volkstümliche Ornamentik angeht, so finden wirbei Beschreibungen von Werken der Volkskunst nur selten Hinweise auf orts-gebundene volkstümliche Bezeichnungen. Dies hängt sicher damit zusammen,daß wir Werke der Volkskunst in der Regel nicht mehr in situ" vorfinden,sondern sie in Museen studieren. Noch seltener sind wir in der Lage, einenVolkskünstler über die von ihm verwendeten Ornamente zu befragen. Solcheswar beispielsweise noch einem Hörmann möglich, bei seinen Studien zu denmittelfränkischen Schellenbogen der Hersbrucker Gegend ¹), oder Wladimirvon Zalozieckyj, der 1942 aus seinen Kindheitserinnerungen einige wenige Be-zeichnungen für Ornamentformen der Ostereier bei den ukrainischen Huzulenangeben konnte 2). Gemeinhin aber spricht man von Stern und Rosette, vonSonne und Trudenfuß usw., ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, obderartige Bezeichnungen überhaupt noch im Volk benutzt werden oder ehe-mals am Herkunftsort des betreffenden Objektes üblich waren. Hier nun sol-len unsere Überlegungen einsetzen. Zunächst möchten wir auf die Schafmar-ken hinweisen, die heute noch- vor allem in den Alpenländern von Bedeu-tung sind, und die ausnahmslos auch von den Besitzern der Tiere benanntund damit unterschieden werden. Im zweiten Band der deutschen Volkskundevon Adolf Spamer finden sich zwei derartige Schafmarken, die in die Ohreneingeschnitten wurden, aus Niedersachsen( Zwingelbock und Spletten). KarlHaiding ³) hat uns aus dem steirischen Ennstal mehrere solche Bezeichnungenmitgeteilt: A Oh'- Zipf o, Von unt auf a Schnid, Viertl- March von hintn,Klo- m( gekloben, gespalten), Schrettmarch von vorn, Gaberl". Dieses Vieh-march oder einfach March hat seine Bedeutung bei der Schafschied. Haidingweist darauf hin, daß die Verbindung verschiedener Zeichen auf beiden Ohrensoviele Möglichkeiten ergibt, daß auch bei größeren Herden kein Zweifel überdie Zugehörigkeit der Tiere aufkommt. Aus der Wildschönau wurde mirfür ein halbförmiges Schafmarch die Bezeichnung halber Schein bekannt.Gerade diese Bezeichnung kann verständlich machen, wie sehr sich die Sprachedes Volkstumsforschers von der Sprache des Volkes entfernen kann, wenn erdiesen Dingen nicht nachgeht. Es wird nicht übersehen, daß die Schwierigkei-ten groß sind, doch sollte man wirklich den Versuch machen, die letzten Mög-lichkeiten noch auszuschöpfen. Betrachten wir die reine Zeichenwelt, dienoch nicht als Ornament, also als Zierat anzusprechen ist, etwas näher. Indem ausgezeichneten Heimatbuch über Vandans von Barbisch, Helbok und

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