Der Ausweg aus dem Labyrinth
Ein megalithzeitliches Glaubenszeichen wandert um die Welt und überdauertvier Jahrtausende
Ergänzungen und Berichtigungen zu Mehls Beitrag„ Troiaspiel" in derRealenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaften von Pauly( RE)Suppl.- Band VIII( 1956), Sp. 885-905
( Mit 8 Figuren im Text und 2 Abbildungen auf Tafel)
Von Erwin Mehl, Wien- Weidling
Die seltsame Labyrinthfigur oder( nach skandinavischem und englischenSprachgebrauch: trojaborg, troy- town) auch Trojaburg genannt( Krause) hatden Gelehrten viel Kopfzerbrechen gemacht: den Urgeschichtlern wegen deshohen Alters der Figuren, den Völkerkundlern wegen ihrer weltweiten Verbrei-tung in den Küstengebieten, angefangen von Skandinavien über die Küstenund Inseln West- und Südeuropas bis nach Indien und zu den malaischenInseln, vielleicht auch in die Neue Welt( wenn sie nicht dort späte Einfuhrist), den Glaubensforschern wegen ihrer Beziehungen zu Fruchtbarkeit, Todund Auferstehung durch Bewegung im Tanz, Schreiten, Reiten oder durch dasZeichen allein, den Tanzhistorikern als Beleg für einen kultischen Tanz aufeiner magisch wirksamen Zeichnung, den klassischen Archäologen wegen deskretischen Labyrinthes mit der Minotaurussage, den Volkskundlern als uralterHintergrund für skandinavische Rasen- und Steinsetzlabyrinthe und das darinausgeführte Durchschreiten und Durchtanzen und vielleicht auch für Kinder-spiele( Himmel und Hölle, Jan de Vries)( Fig. 28).
Bei diesen vielfältigen Beziehungen wundert es nicht, daß der TurinerRechtsanwalt und Schriftsteller Paolo Santarcangeli 1967 in seinem fast400 Seiten starken Libro dei labirinti 135 Abbildungen benötigt und an die280 Schriften zum Gegenstand aufzählt. Das kennzeichnet die Bedeutung derLabyrinthzeichnung oder der Trojaburg.
Bekannt wurde das Labyrinth aber nicht durch die Figur der Trojaburg,sondern durch das kretische Labyrinth und die damit verbundene Sage vondem darin eingeschlosssenen menschentötenden Minotauros. Die antike Über-lieferung, besonders Vergil( Aeneis) und Ovid( Metamorphosen, Daedalus)schildern das kretische Labyrinth als Irrgangsgebäude, in dessen„ tausend"Gängen man sich rettungslos venirrt, so daß man nicht mehr herausfindet( Ver-gil, Aen. 5, 589: ancipitemque mille viis habuisse dolum, qua signa sequendifalleret indeprensus et irremeabilis error; 6, 27 unentwirrbare Irrgänge: inex-
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