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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Einige Bemerkungen zur Geschichte des Fetischbegriffs

Von Walter Hirschberg, Wien

Als Diogo Cão seine Entdeckungsfahrt nach dem Kongo und der Angola-küste im Jahre 1481/82 antrat, erhielt er von dem portugiesischen KönigJoão II. unter anderem den Auftrag, alle Idole und Fetische( feitiçarias), dievon den Einheimischen angebetet wurden, zu vernichten, jedoch auf eineWeise, die Vorsicht gebot, um nicht ein allzu großes Ärgernis bei den Ein-heimischen wachzurufen. Diesen Auftrag finden wir ausdrücklich bei demportugiesischen Chronisten Ruy de Pina in seiner Chronik erwähnt ¹). Idoleund Fetische werden an dieser Stelle gleichsam in einem einzigen Atemzugerwähnt, und dabei sollte es auch lange in der Entdeckerzeit bleiben. Alleswas für Gott" gehalten wurde, ohne es zu sein, galt den christlichen Por-tugiesen in der damaligen Zeit als Idol oder Götze und ihre Anbetung alsBilder- oder Götzendienst( Idolatrie).

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Unter dem aus dem Portugiesischen stammenden Begriff Fetisch"( port.feitiço Machwerk, lat. factitius= künstlich gemacht) verstehen wir heuteirgendeinen Gegenstand( Stein, Horn, Klaue, Tierbalg, Stoffetzen, figürlicheDarstellungen usw.), dem im Sinne dynamistischer Vorstellungen schützendeoder abwehrende Kräfte zugeschrieben werden und der deshalb auch eineentsprechende Schätzung erfährt und gelegentlich auch mit Opfern, Anrufun-gen und bestimmten magischen Praktiken bedacht wird. Von einem eigent-lichen Kult kann jedoch dabei keine Rede sein. Als Sonderformen animisti-scher Prägung können dagegen jene Fälle bezeichnet werden, wo der betref-fende Fetisch von einem Geist bewohnt gedacht wird, dem eine bestimmteFunktion zukommt und dessen Wohnung, das heißt der Fetisch selbst, als dasSymbol des Geistes gilt 2). Für Kunz- Dittmer ³) sind Fetische Gegenstände- zum Beispiel Bildwerke-, die ihre magische Kraft entweder durch ein-gefügte Zaubermedizinen erhalten haben oder dadurch, daß ein bestimmterGeist seinen Wohnsitz darin genommen hat", während es Birket Smith 4) fürschwer hält ,,, die Grenze zwischen Gegenständen zu ziehen, die Sitz eines in-dividuellen Willens, eines Geistes sind, und reinen Amuletten, die ihre Wir-kung einer unpersönlichen Kraft verdanken, welche sich sozusagen mechanisch,durch ihre bloße Gegenwart auswirkt. In den afrikanischen Fetischen( vonportugiesisch feitiço Zauberei) gehen sie fast unmerklich ineinander über.Ein Fetisch im eigentlichen Sinn ist der Sitz eines Geistes; der Neger Glossar ::: zum Glossareintrag  Neger aberunterscheidet nur vage zwischen diesem Geist und dem Bild, in welchem erAufenthalt genommen hat". Diese Definitionen seien an einigen konkretenBeispielen dem Verstehen nähergebracht.

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Juju ist ein in Westafrika, vor allem aber in Sierra Leone, sehr häufiggebrauchter Name für Zauber oder Fetisch, dessen schützende Kraft man in

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