Zwei Zauberer aus Südungarn
( Mit 1 Abbildung auf Tafel)
Von Tekla Dömötör, Budapest
I.
Es ist eine seit langem bekannte Erscheinung, daß Streusiedlungen, diesich inmitten einer fremdsprachigen Umgebung befinden, manchmal archaischekulturelle Eigentümlichkeiten bewahren, die weder bei der gleichsprachigenGruppe, von der sie sich abgesondert haben, noch bei den sie umgebenenVölkerschaften erhalten sind ¹).
Solche archaischen Züge fand ich in einem kleinen südungarischen DorfDrávasztára( im Komitat Baranya). Das Dorf liegt an der jugoslawischenGrenze, seine Einwohner haben Kroatisch als Muttersprache. Die Jüngerensprechen bereits ein reines Ungarisch, die Älteren nur gebrochen. Hier habeich zwei alte Männer angetroffen, die sich für Zauberer hielten und auch vonden Dorfbewohnern für Zauberer gehalten wurden. Diese zwei Zauberer- Typenwichen wesentlich von denen ab, die heute in den ungarischen Dörfern fürMenschen mit übernatürlichen Fähigkeiten gehalten werden( Abb. 50).
Die ungarischen Zauberer sind entweder Wahrsager oder Heilkundige;manchmal stehen sie mit den Toten in Verbindung und im geheimen beschäf-tigen sie sich auch mit Binden und Lösen und mit Liebeszauber.
Die zwei Alten aus Drávasztára waren in anderen Künsten bewandert.Vendel Gergics beschäftigte sich mit Wetterzauber, besonders mit dem Ver-treiben des Hagels. Simon Kokorics war ein Tausendkünstler, der behauptete,das Musizieren, das Dudelsackmachen und andere Berufe, wie das Holzschnit-zen und Schuhemachen von Feen erlernt zu haben.
Überraschend war auch das Benehmen der Dorfbewohner den zwei Altengegenüber. Die zauberkundigen Personen des Dorfes werden heute im allge-meinen von einer ambivalenten Atmosphäre umgeben; man hat Angst vorihnen, sie werden gefürchtet oder ausgelacht. Davon fand ich in Drávasztárakeine Spur: die zwei Alten waren verehrte, normale Mitglieder der Dorfgemein-schaft, Gergics versah den Posten des Feldhüters, Kokorics war Handwerker.Vielleicht liegt die Erklärung für diese Abweichung darin, daß keiner von denbeiden Alten von seinen Zauberkünsten lebte, von Geldfrage war also keineRede. Ihre Erzählungen bestanden aus regelmäßigen traditionellen Sagenmoti-ven, die aber von ihnen in erster Person vorgetragen wurden, so daß sie sichselbst zum Helden ihrer Geschichten machten.
Es war auch ungewöhnlich, daß die beiden alten Männer offen von ihrerZauberkunst sprachen, Kokorics gab sogar offenherzig zu, daß Gergics eine
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