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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Die Wallfahrt zum hl. Antonius in Rietz

( Mit 4 Abbildungen auf Tafeln)

Von Dietmar Assmann, Innsbruck

Das kleine Dorf Rietz im Oberinntal, unweit des Zisterzienserstiftes Stamsgelegen, fällt schon von weitem durch seine drei Kirchen ¹) auf: die demhl. Valentin geweihte und auf einen gotischen Bau zurückgehende Pfarrkirche,das 1664 im Unterdorf erbaute Kreuzkirchl und schließlich ca. 150 m über demDorf auf einer künstlich aus dem Hang geschnittenen Verflachung die nun-mehr größte, die Antoniuskirche, die demnächst ihr 300jähriges Gründungs-jubiläum feiern kann.

Über den Beginn dieses Heiligtums erfahren wir aus einer knappen Auf-zeichnung 2) eines ehemaligen Benefiziaten an dieser Kirche: Anno 1676 ist aufH. Peter Grasmayrs eines geborenen Rietzers aber damahlen hochlöblichenoberösterreichischen Hofkammer zu Innsbruck wirklich reitenden Kammer-boten eigenen Unkosten auf diesem Pichl, welcher von vielen wegen denScheibenschlagen der Scheibenbüchl von den mehreren aber das Mühlögggenannt worden, ein Kirchl mit einem Altar zu Ehren des hl. Antoni von Padua25 Werchschuech lang und 18 Schuech in der Breit erbauet und aufgeführetworden." Dem Ausmaß nach wird man zunächst eher von einer Kapelle spre-chen können.

Neben dem Beleg für die ehemals so starke Verbreitung des Scheiben-schlagens vor allem im Oberinntal ist die Bemerkung bedeutsam, daß der Bauwohl von einem geborenen Rietzer ausging, der jedoch die Anregung dazusicher in der Stadt" erhielt, wo zu jener Zeit bereits ein Bild des hl. Antoniusin der Hofkirche der Franziskaner zu Innsbruck aufgestellt war und verehrtwurde. Grasmayrs Initiative verdankt Rietz eines der ältesten und auch größ-ten Antonius- Heiligtümer Tirols.

Die bekannteste Antonius- Wallfahrt Tirols wurde jedoch die auch nochetwas ältere in Kaltern; F. Haider ³) bezeichnet sie sogar als, die bedeutend-ste Altösterreichs: Was man in Padua nit kriegt, mueß man in Kalternerbittn'". Auf diesen Spruch verwies bereits J. A. Falger 4), der Rietz aller-dings nicht erwähnt.

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, in die zum Beispiel auch die Ent-stehung der Antoniuskapelle in Oberau 5), der bedeutendsten Wallfahrtsstättezu diesem Heiligen im Unterinntal, fällt, brachte auch sonst noch einige Kapel-lenbauten und in Zusammenhang mit der ersten Barockisierungswelle in Kir-chen wurde eine Fülle von Seitenaltären dem hl. Antonius geweiht 6). Auchnoch im 18. Jahrhundert fand seine Verehrung in zahlreichen Seitenaltarwei-hen seinen Ausdruck. Im späteren 19. Jahrhundert erhielten dann endlich

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