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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Maria vom guten Rat

Ikonographie, Legende und Verehrung eines italienischen Kultbildes

( Mit 1 Figur und 1 Karte im Text sowie 4 Abbildungen auf Tafeln)

Von Elfriede Grabner, Graz

I. Ikonographie und Legende

Unter der Vielfalt der Gnadenbilder nimmt jenes der Maria vom gutenRat" eine besondere Stellung ein. Kaum ein Gnadenbild fand eine so gezielteund erfolgreiche Verbreitung wie die Kopie der Madonna del Buon Consiglio",die der römische Augustiner Andreas Bacci aus Dankbarkeit für eine Heilungaus einer Gemütskrankheit 1753 auch nach Deutschland brachte und durch97.000 Nachbildungen bis nach Indien verbreitete. Damit war der Beschlußdes Augustinerkapitels verbunden, das Gemälde Unserer Lieben Frau vomguten Rat" überall bekannt zu machen.

Die entscheidende Kultdynamik ist darauf zurückzuführen, daß sich dasBild in einer Augustinerkirche befindet und zu einem ausgesprochenen Ordens-heiligtum wurde. Durch Bruderschaften wurde es schon im 17. und in derersten Hälfte des 18. Jahrhunderts weit verbreitet und 1682 durch PapstInnozenz XI. gekrönt und mit dem Titel Maria del Buon Consiglio" versehen.Leo XIII.( 1810-1903) führte ein besonderes Fest zu Ehren des Gnadenbildesfür den 26. April ein und übernahm den Titel in die Lauretanische Litanei ¹).Die historischen Unterlagen zur Geschichte und Verehrung des Bildes wur-den 1947 gründlichst gesammelt und veröffentlicht 2).

Das Urbild in Genazzano ist ein von der Mauer abgelöster Freskenrestvon der Größe 45,5 x 31 cm und wird um die Mitte des 14. Jahrhunderts datiert.Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte es umbrischer Herkunft sein, denn esläßt sich am ehesten mit den Werken der umbrischen Malerei der ersten Hälfteund der Mitte des 14. Jahrhunderts vergleichen. So finden sich Ähnlichkeitenim Gesichtstypus der Muttergottes mit dem der Maria aus der Geburt Christiin S. Chiara in Assisi ³)( Abb. 23).

Das Bild gehört in die Gruppe der zärtlichen Muttergottesdarstellungen,der sogenannten Eleousa, und stellt eine halbfigurige Muttergottes mit leichtgeneigtem Haupte dar, auf deren linkem Arm das Kind sitzt und seinen Kopfzärtlich an die Wange der Mutter lehnt. Mit der rechten Hand umarmt esdie Mutter, während es mit der Linken den Saum ihres Kleides am Halseerfaßt. Über dem Haupte des Kindes und seiner Mutter erscheint ein drei-farbiger Bogen( dunkelviolett- grün- hellviolett). Es dürfte sich wohl um eineAureole gehandelt haben, die hinter dem Nimbus des Jesusknaben und der

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