Benediktionsritus und Legendenkontinuität
Zu einem italienischen Gegenwartsbrauch um ein mittelalterlichesPönitentialrequisit.
( Mit 2 Abbildungen auf Tafeln)
Von Leopold Kretzenbacher, München
... praeterea existere ibi catenam a Sancto poenitentiae causâ gestari adcollum consuetam... et perquam prodigiosam esse praesertim in energu-menis.Acta Sanctorum zu St. Vicinius, 28. August
Fragen der„ Kontinuität“ im Bereiche geistig- geistlicher Überlieferungendes Mittelmeerraumes in Südosteuropa und auf der Appenninenhalbinsel, so-weit sie sich auf religiöse Traditionen, auf Glaubensvorstellungen und Riten,auf Bild- und Erzählmotive des Mittelalters und ihr hypothetisches Fortlebenauch noch bis in unsere Zeit des tiefgreifenden Umbruches nach dem zweitenVaticanum bezogen, hatten mich im September 1970 zu einer Reihe von Wan-derzielen in Italien geführt. Ikonographische Themen waren es an Fresken-schmuck und Bauplastik der ehemaligen Benediktinerabtei zu Pomposa imBereich des einstigen Byzantinischen Exarchates Ravenna 1). Kultkontinuitätenaus der heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag heidnischen Spätantike über das völkerwanderungszeitliche, das mit-telalterliche und das erstaunlich lebenskräftig in Erscheinung tretende Heuteeines Grottenheiligtumes waren es beim Sanctuarium des Erzengels Michelauf dem Monte Sant' Angelo in Gargano in der Capitanata Süditaliens. Leben-dige Legendentraditionen um den mittelalterlich so bedeutsamen Augustiner-eremiten Nikolaus von Tolentino in Wort- und Bildaufnahmen zu erfassen warmir in seiner Basilica zu Tolentino in den Marken( Marche) geglückt 2). Ein-drucksvoll ließ sich die nachlebende Welt mittelalterlich- monastischen Lebensin mancherlei Traditionen von Wundergläubigkeit, religiöser Magie, lokalerSonderdevotion inmitten eines wahren Schatzes von Zeugnissen hoher Kunstzu Ehren einer Nonnenheiligen und Visionärin an Sancta Clara zu Montefalcoin Umbrien nachempfinden. Dann aber wurde mir unverhofft, das heißt außer-halb des Planes gezielter Feldforschungen an festen Abfragepunkten ein selt-sames Gegenwartserlebnis mittelalterlicher Geistigkeit in Form eines volks-frommen Kirchenritus geschenkt.
Nach schwieriger Regennachtfahrt war ich am 24. September 1970 ausUmbrien durchs oberste Tibertal und über den schmalen Valico di Montecoro-naro ins Tal des jungen Savio nach Sarsina, etwa siebzig Kilometer südwest-lich von Ravenna gekommen. Das freundliche Bergstädtchen mit dem großenMarktplatz birgt ein reiches Archäologisches Museum. In ihm sind die Zeug-nisse alt- umbrischer Stammesgeschichte wie nachfolgend der römischen Lati-nität zusamt mit dem gern bekundeten Kontinuitätsstolz bewahrt:„ Wir sind
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