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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Wallfahrt und Wallfahrtsterminologie

Von Iso Baumer, Gümligen- Bern

1. Anlaß und Absicht der Untersuchung

Dankbar für vielfältige Anregung durch Leopold Schmidt ergreife ich dieGelegenheit, ihm aus dem Gebiet der Wallfahrtsvolkskunde, die er entschei-dend gefördert hat, einen Beitrag zu widmen. Als Anlaß benütze ich die Auf-forderung Wolfgang Brückners, sich an der Diskussion um Phänomenologieund Nomenklatur des Wallfahrtswesens" zu beteiligen, die vor einem Jahr-zehnt aufgeflammt und dann wieder erloschen ist ¹). Ich möchte hier abernicht öl ins Feuer gießen, um es noch mehr anzufachen, sondern Öl insGetriebe geben, damit es nicht mehr so unerquicklich knirscht. Mit anderenWorten: ich versuche, die Diskussion, solange es Zeit ist, energisch auf diesachliche Ebene zurückzurufen und sie zugleich in einer Sprache zu führen,die den Beteiligten das Verständnis und die Kritik erleichtert. Den sachlichenRückhalt zu diesen mehr wissenschaftstheoretischen Erörterungen finde ichin meinen Studien zum Wallfahrtswesen des Alten Bistums Basel 2).

2. Themen der Diskussion

Wenn ich recht sehe, dreht sich die Diskussion in der Wallfahrtsfor-schung um drei Probleme: die Darstellung der Fakten( Phänomenologie"),ihre sprachliche Benennung( Terminologie" bzw. Nomenklatur") und ihreDeutung( Interpretation"). Die Kriterien für eine Bestimmung dessen, wasWallfahrt, Wallfahrtsort, Wallfahrer sei, sollen aus dem Sprachgebrauch"abgeleitet werden ³).

Zunächst gilt es, eine Vorfrage abzuklären: will man Semasiologie oderOnomasiologie treiben? Oder, weniger fachtechnisch gesagt: will man dieBedeutung von Wörtern abklären oder fragt man nach der Bezeichnung vonBedeutungen( Begriffen)? Zeige ich auf, was ich alles unter Wallfahrt" ver-stehen kann, oder kenne ich die Sache( den Begriff) Wallfahrt" schon undsuche nach seinen sprachlichen Bezeichnungen? Ziemlich einfach ist dasProblem zu lösen, wo es sich um Gegenstände handelt, die fest umgrenzt imRaum stehen und sozusagen zeitenthoben sind; man kann sie zeichnerischoder photographisch fixieren; komplizierter wird die Angelegenheit, wo essich um ein komplexes Geschehen handelt, das räumlich gebunden und zu-gleich zeitlich erstreckt ist. Wenn man hier von Nomenklatur" spricht, er-weckt man den Eindruck von in der Wirklichkeit abgegrenzten Einheiten,die sich sozusagen von sich aus zur Etikettierung anbieten. Es ist aber imGegenteil so, daß die raum- zeitliche Wirklichkeit, das dem Betrachter Vor-gegebene, je nach Bedürfnis vom Sprachteilhaber bzw. der Sprachgruppe ge-gliedert wird; in unserem Falle sind die Bedürfnisse nach differenzierter

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