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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
Entstehung
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allem an Weihnachten, an Ostern und an den Staatsfeiertagen Ballveranstal-tungen statt. Den Weihnachtsball bezeichneten die Kolonisten stets als denvornehmsten. Sie werden in der Regel von den Jungmannen der Siedlungorganisiert; dasselbe gilt auch von den Domingeiras". Doch kann es auchsein, daß letztere der Seelsorger bzw. der Kirchenvorstand organisiert. InStreugebieten ohne eigenen Seelsorger ist der jeweilige Tag der Meßfeier,etwa alle vier bis acht Wochen, Anlaß, um alle Siedler zusammenzuführenund auch anschließend eine Domingeira zu veranstalten. Den Deutschen wirdganz allgemein eine große Tanzlust nachgesagt, den Katholiken noch mehr alsden Protestanten. Auch die jungen Mütter wollen nicht auf die Tanzfreudenverzichten. Deshalb nehmen sie ihre Kleinkinder, die von Zeit zu Zeit gestilltwerden müssen, mit auf den Tanzboden. Den Kindern werden zu diesemZwecke einige Kammern in einem Nachbarhaus freigemacht und die Wickel-kinder dann nebeneinander auf die bereitstehenden Betten geschichtet.

Auch die Schulferien bilden in diesen Ländern eine die Gemeinschaftaußerordentlich berührende Erscheinung. Dieses hängt nicht nur mit derKinderliebe zusammen, sondern auch mit dem staatlichen Bestreben, schondie Kinder für die vaterländischen Aufgaben zu gewinnen. Und wann immerdiese Feiern stattfinden, die Eltern und Anverwandten der Kinder machen mitBegeisterung mit! Schulferien sind mit Theater und Gesangsaufführungender Kinder, aber auch mit öffentlichen Aufmärschen, in welchen gewisseStände, namentlich der Kolonistenstand, gewisse Wohlfahrtsorganisationen,wie Rotes Kreuz, landwirtschaftliche Beratungsgruppen und ähnliches, aberauch Szenen aus der Geschichte des Landes, der Gegend usw. dargestellt wer-den, verbunden. In einer von unserer Kolonistenbevölkerung stark durch-setzten Landschaft kommen selbstredend auch ihre Geschichtserinnerungenzur Geltung. Noch mehr gilt dieses von den Theateraufführungen. Auf die,, Weihnachtsspiele" muß später noch besonders eingegangen werden.

Während die geschilderten Veranstaltungen regelmäßig zu erwarten sind,gibt es weitere, welche über besondere Veranlassung inszeniert werden. Manfreut sich, wenn sie gegeben werden, bilden sie doch einen außerordentlichenAnlaß zur Unterhaltung und lockern so unerwartet und damit besonders ver-dankt den harten Alltag auf der Roça auf, der, jahraus, jahrein, ohne Unter-schied in den Jahreszeiten, harten Tribut abfordert. Solche Veranstaltungenbetreffen den Neubau eines Spitals, einer Schule oder Um- und Zubauten andenselben. Oder man will ein bestimmtes anderes Vorhaben fördern. DieseVeranstaltungen sind ebenfalls stets mit einem Ball, einer Tombola und einemChurrascoessen verbunden, und es mag den Fremden verwundern, wenn eralsdann jung und alt zur Feststätte ziehen sieht und beobachtet, wie jeder-mann sich sowohl an den Spenden wie auch an den gebotenen Unterhaltungenbeteiligt und beglückt später wieder heimkehrt. Die Sehnsucht, sich zu begeg-nen, Erfahrungen und Neuigkeiten auszutauschen, sich zu unterhalten, istoffenkundig sehr groß. Dieses läßt aber wohl auch auf die noch in den meistenFällen sehr starke, ungebrochene Kraft der Siedlergemeinschaften schließen.Daher sind alle diese Veranstaltungen, alle diese Bälle wichtige soziologischeErscheinungen und gesellige Ereignisse im Jahresablauf. Sie führen die Kolo-nisten aus ihrer Einsamkeit heraus und zusammen, auch biologisch, wasäußerst wichtig ist.

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