Brauchkundliches vom Ende des 14. Jahrhunderts
Von Hans Moser, Göttingen
Einer vierzigjährigen Freundschaft kann man nur mit Freude und Dank-barkeit gedenken. Umsomehr, wenn außerhalb der Sphäre ungetrübten Sich-verstehens im Menschlichen, in der Arena der wissenschaftlichen Auseinander-setzung zuweilen auch nicht geteilte Auffassungen, Absichten und Methodenhinzunehmen waren. Man wußte, daß man sich in Grundsätzlichem einig war,daß jeder auf seine Weise dem Fach förderlich dienen wollte und die Aufgabegleich ernst nahm, und dazu sah man sich in der übereinstimmenden Hin-neigung zu bestimmten komplexen Forschungsbereichen verbunden.
Das gemeinsame Interesse am Volksschauspiel hatte zur ersten Begegnungund zu früher Zusammenarbeit geführt. Geweckt durch das eigene Erlebenalpenländischer Aufführungen hatte es dazu gedrängt, regionaler Verbreitungin der Gegenwart und danach in geschichtlicher Entwicklung nachzugehen.Den Spieltexten war mit anderen Kriterien als denen der Philologie undLiterarhistorie beizukommen, und über der Sammlung von Spielbezeugungen,mit der Feststellung ständisch unterschiedlicher Spielträgerschaften, gewanndie Frage nach den sozial- und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen jederSpielkultur zunehmendes Gewicht ¹). Aus diesem Einstieg hatte sich einguter Lehrgang ergeben, weil er das Blickfeld nach verschiedenen Richtungenweitete und so vor spezialfachlicher Enge bewahrte, weil er Tradition alseinen von realen Gegebenheiten, von vielerlei Zusammenhängen und Einflüs-sen bedingten Prozeß zu erkennen gab, und weil er zur Gleichwertung, zuwechselseitig klärender Nutzung rezenter und historischer Befunde nötigte.
Ein wieder beiderseits starkes und dauerndes Interesse galt dann derWissenschaftsgeschichte der Volkskunde. Mit parallellaufenden Arbeiten zuden aufklärungszeitlichen Ansätzen wurde eine Stofflücke gefüllt und einKomplex von Problemen neu aufgerissen. Sie ergaben sich aus den Wider-sprüchlichkeiten des Zeitgeists im Verhältnis zwischen Aufklärung und Volks-welt, sie stellten die Wertung zeitgenössischer Dokumentationen und rück-blickender Interpretationen zur Debatte, sie führten zum Abwägen aufkläreri-scher und romantischer Intensionen und sie gaben erneut zur Überlegung, wiesehr die Ausgangssituation die Linie jeder Entwicklung bestimmt und welcheFolgen das im Falle„ Volkskunde" hatte. Nun kann man die erste Aufgabewissenschaftsgeschichtlicher Forschung darin sehen, daß sie vollständig undobjektiv registriert, was eben im Laufe der Zeit innerhalb eines Fachesgeschehen war. Aber danach stellt sie dann doch zur Beurteilung, was Fort-schritt und was Rückschritt bedeutete, wobei die Meinungen auseinander-gehen können, vor allem aber, wo Versäumnisse und Irrwege schlechterdingsnicht zu übersehen sind, wonach schließlich zu überdenken ist, wo und wieein Nachholen und Berichtigen notwendig und möglich erscheint.
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