Einiges über rezente Weinhüterbräuche imWiener Weingebirge
( Mit 1 Notenbeispiel im Text)
Elfriede G. Lies, Institut für vergleichende Verhaltensforschungder österreichischen Akademie der Wissenschaften
Von Kirtag und Hauerkrone
Die Abteilung Wissenschaftlicher Film der Bundesstaatlichen Hauptstellefür Lichtbild und Bildungsfilm hat im Jahre 1966 den Umzug der Weinhütermit der historischen Hauerkrone am Kirtag in Neustift am Wald im 19. WienerGemeindebezirk dokumentiert*).
Solche Kirtagsumzüge gab es früher nicht nur in Neustift am Wald, son-dern auch in den anderen ehemals selbständigen Gemeinden um Wien, die wieNeustift am Wald am Ende des 19. Jahrhunderts nach Wien eingemeindetwurden.
Alle diese Umzüge charakterisiert das Vorantragen der sogenannten Hauer-krone. Sie besteht in Neustift am Wald aus einem mit Stroh umwundenenRahmen in Form einer mehrteiligen Bügelkrone, der an der Schauseite drei-reihig mit vergoldeten und versilberten Nüssen besteckt ist.
Diese Krone hängt das Jahr über beim Kranzmeister im„ Kronenstüberl"und wird durch die Weinhüter kurz vor dem Kirtag frisch hergerichtet und mitBlumen und Früchten geschmückt.
Die Kronen der Nachbargemeinden sind nur noch als leere Gestelle vor-handen, gänzlich verschwunden oder in Museen gelangt. So verwahrt beispiels-weise das Historische Museum der Stadt Wien die ältere Hauerkrone vonOttakring in ihrem ursprünglichen Zustand ¹).
Die Krone von Pötzleinsdorf hingegen befand sich bei einer in Salmanns-dorf ansässigen Künstlerfamilie, die sie vor etlichen Jahren restauriert hat,weil diese Krone gelegentlich noch als Ziergegenstand bei den Erntedankfeiernder Pötzleinsdorfer Pfarre verwendet wurde. 1968 kam sie als Dauerleihgabean das Währinger Museum.
Über die ursprüngliche Verwendung dieser Krone gibt ein Bericht ausden zwanziger Jahren Auskunft:
,, Beim Kirchweihfest am St. Aegydiustag, das für die Ortschaft seit jehereine der Hauptfestlichkeiten war, zogen die Weinhüter mit Musikbegleitungund einer großen Krone, die aus vergoldeten Nüssen, Obst, Blumen und farbi-gen Bändern verfertigt war und von zwei Burschen auf einer Stange getragenwurde, im ganzen Dorf von Haus zu Haus, wo sie überall mit Wein auf dieGesundheit und das Wohlergehen der Familie tranken. Sie erhielten dafür vomHausvater kleine Geldspenden ²)."
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