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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Die Prechelstrafe

im Niederösterreichischen Weinviertel

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Von Hermann Steininger, Wien

Neben den vielen bekannten, oft rechtsarchäologisch bedeutendenSchandstrafinstrumenten ¹), wie Prangern 2), Bagsteinen ³), Fiedeln 4) usw.,finden wir immer wieder auch die Precheln erwähnt, von denen uns abergerade im Gegensatz zu den erwähnten Gerätschaften heute keine museologi-schen Belege mehr vorliegen, was wohl nicht damit zusammenhängt, daß esdavon nun soviel weniger gegeben hat, sondern weil sie zumeist im Freienaufgestellt und vor Witterungseinflüssen nicht oder kaum geschützt waren 5).Es handelt sich bei ihnen fast ausschließlich um Geräte, in denen der Delin-quent mit Kopf und Händen fixiert war. Sie standen an öffentlich gut zugäng-lichen Stellen, weil sie ein Schandstrafinstrument vorstellten. Im Gebiet desheutigen Weinviertels sind wir bislang von neun Precheln unterrichtet, undzwar aus: Eipeltau/ Leopoldau 6), Guntersdorf, Niederstockstall 7), Pirawart 8),Pulkau), Ravelsbach 10), Retz 11), Sonnberg 12) und Wullersdorf 13), wobei dieErwähnung der Prechelstrafe in einer Heimatkunde von Groß- Schweinbarthnur als literarischer Bericht über die Prechelstrafe gewertet werden darf 14).Fragen wir uns zunächst über das Aussehen der Precheln, so bietet sichuns gerade durch zwei Bildquellen die Möglichkeit, formal nun mehr überdiese Gerätschaften auszusagen. Und zwar fand H. G. Walter auf Bildern ausdem Besitze des Stiftes Melk topographische Abbildungen, auf denenPrecheln gut zu erkennen sind. In Betracht kommen insbesondere zweiAquarelle mit Feder auf Papier von Franz Mayer, welcher in den Jahren von1750 bis 1767 die wichtigsten Pfarren und Besitzungen des Stiftes Melk malte;das eine der beiden zeigt eine Ansicht mit der Kirche von Wullersdorf 15) unddas zweite eine Darstellung mit der Kirche in Ravelsbach, wobei in beidenFällen aber nicht nur die Kirche mit dem Friedhof, sondern auch die Um-gebung mit Teilen des Ortes, Häusern, Straßen und Plätzen gezeigt wird undPersonen als Staffage die Darstellung beleben. In Wullersdorf sehen wir aufdem Platz das heute noch existente Grätzl" und in der Nähe den gleichfallserhaltenen Pranger. Nahe der Ecke eines dem Kirchenbezirk vorgelagertenObstgartens bemerkt man zwei Pfosten, die an ihrem oberen Ende durchkugelförmige Aufsätze abgeschlossen erscheinen. Diese Balken sind, wie ausden Personendarstellungen gut zu erkennen ist, etwa zwei Meter hoch und inzirka Brusthöhe durch zwei hochkantgestellte Bretter miteinander verbunden.Auf der Darstellung von Ravelsbach ist gleichfalls die Umgebung der Kirchezu sehen und wieder knapp vor dem Friedhofstor ein dem Wullersdorfersehr ähnliches Gerät, die Prechel. Wir können gut erkennen, daß die Prechelaus zwei senkrecht stehenden Pfosten bestand, welche durch zwei Bretter

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