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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Zur Bedeutung der Städtewahrzeichenfür die wandernden Handwerksgesellen

Von Ulrich Steinmann, Berlin

In seinen Untersuchungen über den Stock im Eisen" hat Leopold Schmidtdie ursprüngliche Bedeutung dieses ältesten Wahrzeichens der Stadt Wien ingrundlegender Weise herausgearbeitet ¹). Er deutete ihn als Rechtswahrzei-chen aus der Zeit um 1200, das als mythischer Mittelpunkt der geortetenStadt mit seinen beiden nach oben gerichteten Wurzeln zugleich den Wel-tenbaum darstellte. Um letzteres näher zu begründen, zog er die Benagelungdes Wahrzeichens durch die Schlossergesellen heran. Er schloß aus diesemBrauch, daß der Stock ursprünglich mindestens einen, wohl deutlich sicht-baren Nagel gehabt haben müsse, den einst Berufene eingeschlagen undbrauchmäßig festgehämmert hätten und der auf Grund nordischer Parallelenals Polarstern- Nagel an dieser lokalen Weltsäule" anzusprechen sei. DieseUntersuchungen sind ein lehrreiches Beispiel, wie aus Standort, Namen,äußerer Gestalt und spezieller Brauchhandlung einerseits sowie mit Hilfe ent-sprechender Parallelerscheinungen andererseits wichtige Erkenntnisse für dieErklärung eines Stadtwahrzeichens gewonnen werden konnten. Dagegen muß-ten die mit dem Stock im Eisen" verbundenen Sagen außer Betracht blei-ben. Sie sind erst in nachmittelalterlicher Zeit belegt, und wie L. Schmidt be-tont, wird durch diese Sagenüberlieferungen der Handwerksburschen derKernsinn derartiger Denkmäler mehr verschleiert als enthüllt.

Diese sinnreiche Auswertung des Schlossergesellenbrauchs und die kri-tische Beurteilung der Wahrzeichensagen regten dazu an, im folgenden nocheinmal auf eine andere Frage einzugehen: nämlich welche Bedeutung dieStädtewahrzeichen überhaupt im Brauch der wandernden Handwerksgesellengehabt haben. Anscheinend hat sich nur der Dresdener Historiker Dr. KarlWilhelm Schäfer( 1807-1869) gründlicher mit diesem Thema befaßt( 1857/58) 2). Nach seiner Darlegung spielten die Wahrzeichen eine wichtige Rolleseit der mittelalterlichen Ausbildung des Zunftwesens, da sie den Altgesellenals Kontrolle über die zuwandernden Gesellen dienten. Denn diese mußtendem Altgesellen nicht nur angeben, in welchen Städten sie bereits gewesenwaren, sondern zur Bekräftigung der Wahrheit ihrer Angaben hatten sie zu-gleich auch die Wahrzeichen der angegebenen Städte zu benennen und näherzu bezeichnen." Zur besseren Kontrolle hätten die verschiedenen Handwerke,vor allem in größeren und besuchteren Orten, verschiedene Wahrzeichengewählt, zu denen besondere Denkmale und auffallende Merkwürdigkeiten,aber zum Beispiel auch Merkverse gehörten. Nach Schäfer( S. 11) war es des-halb für jeden Gesellen unbedingt erforderlich ,,, sobald er in einer Stadt inArbeit trat oder auch nur das Geschenk erhielt", sich das Wahrzeichen des

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