Das Taschentuch in Tracht und Brauch
Versuch einer Zusammenschau
( Mit 4 Abbildungen auf Tafeln)
Von Mathilde Hain, Frankfurt am Main
I.
Es sind schon über drei Jahrzehnte her, daß die Trachtenbraut in denkatholischen Dörfern Oberhessens im Hochzeitszug einige weiße Taschen-tücher deutlich sichtbar trug. Sie flatterten über ihrer schwarzen Seidenschürze,zuweilen auch in den Händen der Brautmädchen. Beim Umschreiten des Altarsnach der kirchlichen Trauung legte die Braut einige Tücher auf den Altar fürPfarrer, Lehrer und Organist; das Taschentuch für die Lehrerin wurde auf derKommunionbank niedergelegt. Derselbe Personenkreis erhielt auch bei derBeerdigung ledig Verstorbener, die früher durch eine Totenkrone und heutenoch durch Blumenkränze und„ Brautmädchen" ausgezeichnet wird, die obligateTaschentuchspende. Hinzu kommen auch heute noch die vier Sargträger, denenman ein weißes Taschentuch mit Rosmarinzweig an die Brust heftet. Es dientkeinesfalls einem praktischen Zweck, ist vielmehr ein Stück Zeremonialtrachtbeim Ledigenbegräbnis.
Noch in mehreren hessischen Landschaften lassen sich Reliktformen derbrauchtümlichen Taschentuchgabe bei Hochzeit und Begräbnis aufweisen, zumBeispiel im Fuldaer Land ¹), in der Rhön, im Odenwald 2), in thüringischenDörfern. Weit zahlreicher sind die Belege für das 19. Jahrhundert, wo es vie-lerorts zur Kompetenz von Pfarrer und Lehrer gehörte, daß sie bei Trauungund Beerdigung ein Taschentuch erhielten. Carl Hessler nennt in seiner„ Hessi-schen Landes- und Volkskunde", Band II ³), mehrere Orte in Hessen undThüringen, wo der Brauch bei Katholiken und Protestanten üblich war; man-cherorts wurde beim Leichenbegängnis auch eine Zitrone gespendet. Reich anQuellenmaterial für unser Thema sind die Abhandlungen von Heinrich Höhnüber Hochzeitsgebräuche und Begräbnissitten innerhalb der„ VolkstümlichenÜberlieferungen in Württemberg" 4). Auch hier bedenkt noch im 19. Jahr-hundert die Braut Pfarrer und Lehrer mit einem Taschentuch( Umgebungvon Tuttlingen); das baumwollene Sacktuch kann auch durch ein seidenesHalstuch ersetzt werden( Geislingen); in der Gegend von Reutlingen, Mün-singen und Ellwangen schickte die Braut eine Portion Hochzeitsessen insPfarrer- und Lehrerhaus und fügte nicht nur ein Taschentuch, sondern aucheine Zitrone oder einen Rosmarinzweig hinzu. Bei der Beerdigung wurdenin vielen schwäbischen Orten Zitrone und Rosmarin an Pfarrer, Lehrer undSargträger geschenkt; weit seltener werden Taschentücher erwähnt, die bei
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