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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Mitteleuropäische Austauschvorgänge zwischen Südund Nord in der sozialkulturellen Überlieferungdes Erzgebirges

Von Gerhard Heilfurth, Marburg/ Lahn

Im mitteleuropäischen Landschaftsaufbau stellt das Erzgebirge eine mar-kante Grenzzone dar, weil an dieser Stelle infolge der geographischen Bedin-gungen der Süden besonders tief in den Norden eingreift; vom rauhen Kammdes Gebirges mit seinem Steilabfall nach Böhmen hin kann man in wenigenStunden alle Wachstumsstufen durchmessen, von den windzerzausten undnebelreichen Fichtenwäldern bis zum stillgrünenden Nußbaum und der be-haglich reifenden Weintraube" 1). Auf diesem natürlichen Hintergrund spieltdas Erzgebirge auch in der geschichtlichen Strukturierung des sozialkulturellenÜberlieferungsgefüges und-geschehens in Zentraleuropa eine herausgehobeneRolle: hier begegneten sich über lange Zeiten hin in weit vorgeschobener Posi-tion das alte Österreich und Mitteldeutschland, und seit der Gegenreformationtrafen sich hier auf einer signifikanten Linie der katholische Süden und derevangelisch- lutherische Norden, bei aller trennenden Konfrontation in einerergiebigen Spannungslage. 1902 heißt es in der zehnten Auflage des damals weitverbreiteten Wegweisers durch das sächsisch- böhmische Erzgebirge" vonBruno Berlet 2): Der Südhang und ein Teil des Kammes gehören zu Böhmen,der andere Teil des Kammes und die Nordabdachung zu Sachsen. Dabei stelltdie staatliche Grenze zugleich die Scheidung zweier Kirchengebiete dar; weraus dem protestantischen Sachsen über die böhmische Grenze geschritten,wird an den zahlreichen Kreuzen und Heiligenbildern bald merken, daß er aufkatholischem Boden wandert. In Rücksicht auf Jugendbildung, Volkswirt-schaft und Wohlhabenheit besteht zwischen Böhmen und Sachsen ein merk-licher Unterschied. Dort weisen Geld, Dialekt, Denk- und Lebensweise auf Pragund Wien hin, während hier Leipzig und Dresden sowie Chemnitz ihren Ein-fluẞ bemerkbar machen". Diese beiden Einflußsphären standen sich aber nichtnur gegenüber, sondern haben auch auf einander eingewirkt in sozialkulturel-len Niederschlägen und Überformungen, in Austauschvorgängen, die trotz derpolitischen und gesellschaftlichen Veränderungen durch den Ersten und vorallem durch den zweiten Weltkrieg mit seinen tiefgreifenden Folgen nochimmer erkennbar sind, bei aller Verschärfung der Grenzlinie auf dem Rückendes Gebirges, die heute DDR und ČSSR voneinander trennt ³).

Seit der Entdeckung der Bodenschätze, seit dem Fündigwerden" des Erz-gebirges war dabei insbesondere der Bergbau mit seiner intensiven Bevölke-rungsmobilität ein Kontaktelement zwischen Nord und Süd und umgekehrt.Er hob das abgelegene Grenzland in einen größeren Bedeutungszusammen-

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