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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
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Volkskunde aus dem Boden

Von Richard Pittioni, Wien

Auf den ersten Blick mag der Titel unsachlich erscheinen. Besonders dann,wenn man den mit der Volkskunde verbundenen geistesgeschichtlichen Aspektbetont. L. Schmidt hat ja vor Jahren bei einer Umschreibung des thematischenInhaltes der Volkskunde beziehungsweise der Volkskultur von einem Lebenin überlieferter Ordnung" gesprochen ¹) und auch gemeint, wie sehr Institu-tionelles, seit alters her Gültiges dieses Leben bestimmen und darum von ande-ren Erscheinungen absetzen. Volkskunde wird daher vorerst als etwas Stati-sches gesehen, als eine kulturelle Erscheinungsform mit geringer, mituntersogar fast ohne Dynamik, als eine Lebensform, in der einmal Geschaffeneslange Zeit, sogar Jahrhunderte hindurch bestehen bleibt. Das ist zweifellosrichtig und im Bereiche des geistigen Seins einer Volkskultur vielleicht auchklarer erkennbar als in jenem der materiellen Kultur. Denn hier wird diegegenständlich sichtbare Veränderung gerne unter dem Aspekt des technischenFortschrittes gesehen, dessen sich eine Volkskultur zu bemächtigen vermag.Solches aber ist wieder von Zeit und Raum abhängig, regional sehr verschie-den und deshalb auch kaum in Regeln zu fassen. Eigendynamik und Diffu-sionsdynamik, also Einwirkungen aus Zonen oder Punkten eines größerenEntfaltungstempos, werden an solchen Veränderungen einen sehr erheblichen,im Einzelfall jedoch verschieden hohen Anteil besitzen. Es handelt sich alsohier um kulturelle Prozesse, wie sie innerhalb der FrühgeschichtsforschungEuropas beobachtet und erfaßt werden, um chronologische Aufschlüsselungenund Zuordnungen von an sich zeitlich kaum oder nur schwer bestimmbarenErscheinungen zu versuchen.

In die gleiche Kategorie der historischen Erschließung und damit zeit-lichen Tiefenverankerung gehören auch die von L. Schmidt schon mehrmalsvorgelegten Versuche, volkskundliche Erscheinungen der romanischen undgotischen Zeit herauszuarbeiten 2), hieher gehört weiters die von H. Kühnelgepflegte Realienkunde des Mittelalters an Hand zeitgenössischer bildlicherDarstellungen ³), da sich in ihnen neben ihrer rein gegenständlichen Erschei-nungsweise auch ihre innerhalb der einzelnen Lebensbereiche orientierte Ver-wendung verbirgt. Die mit solchen Bildquellen verbundenen chronologischenAussagen sind zu geläufig, um auf sie näher zurückkommen zu müssen.

Nun sind aber die einer historisch orientierten Volkskunde- Forschung zurVerfügung stehenden Quellen bildlicher und gegenständlicher Natur weitausnicht vollständig genug, um aus ihnen eine Art Inventar eines einmal vorhan-den gewesenen Gesamtbestandes erarbeiten zu können. Denn dieser ist zubruchstückhaft erhalten geblieben, um einen weiter gespannten Betrachtungs-horizont zu füllen. Dies gilt vor allem für die gegenständlichen, dem Verbrauchunterworfenen Quellen, eine Tatsache, die auch durch die zahlreichen museal

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