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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
Entstehung
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Kulturelle Ordnung

Von Ina- Maria Greverus, Gießen

Leopold Schmidt hatte 1947 eine Neubesinnung des Faches Volkskundegefordert und die Definition von der Wissenschaft vom Leben in überliefertenOrdnungen" geprägt 1). Der Begriff überlieferte Ordnung" orientiert sicheinerseits an den Kräften des Beharrens", der Überlieferung, und zum ande-ren an einem Ordnungsbegriff, der als funktionelle Aufbauform" bezeichnetwird: ,,... soll... der Gedanke, daß es den durch Analysen gewonnenen einzel-nen überlieferten Ordnungen gegenüber eine Synthese gibt, eine Arbeitshypo-these allgemeinster Art darstellen, nach deren wesentlichem Schema die ver-schiedenen Möglichkeiten eines derartigen funktionellen Aufbaues zu denkensind. Eine bestimmte zusammengehörige Zahl von Einzelüberlieferungen wirdjeweils doch dermaßen ineinandergreifen, daß sie eine Art von Einheit dar-stellt: Wesentlich ist dabei, daß die einzelnen Überlieferungen dabei nichtvöllig beziehungslos zueinander ablaufen, sondern in der verschiedenstenWeise ineinandergreifen. Und zwar verlaufen diese Beziehungen nun wedernur synchron oder nur diachron..., sondern sie verlaufen den Funktionen ent-sprechend, welche die Erscheinungen jeweils zu erfüllen haben 2)". Zu diesemsynthetischen Ansatz treten weiterhin die Forderungen, daß sowohl die ein-zelnen überlieferten Ordnungen" als auch der Aufbau des Lebens in über-lieferten Ordnungen neben der Funktion auch nach Erscheinung und Ge-schichte betrachtet werden müssen und daß die Gegenstände nicht um ihrerselbst willen untersucht werden dürfen, sondern Erkenntnismaterial für ebendieses Leben in überlieferten Ordnungen" darstellen. Die Untersuchunghabe drei Fundamentalsätze zu berücksichtigen, nämlich: daß dieses Leben vonnichtindividuellen Anstößen ausgehe, die Überlieferungen in einem eigentüm-lichen Zustand des Unbewußten empfangen und gelebt werden und nichtprimär psychisch oder physisch gebunden seien, sondern kulturell.

Obgleich Leopold Schmidt nie Bezug auf die amerikanische culturalanthropology" nimmt und eine Verwandtschaft" wohl auch ablehnenwürde ³), zeichnen sich hier doch ganz deutliche Parallelen ab, insbesonderezu der sog. historisch- ,, kulturologischen" Richtung der cultural anthropology,als deren Hauptvertreter und theoretischer Begründer A. L. Kroeber anzu-sehen ist 4).

Auch für Kroeber ist das eigentliche Untersuchungsziel das Organisations-prinzip, die Ordnung, das Form- Phänomen oder das" pattern"um denverbreitetesten und geläufigsten Ausdruck zu benutzen, das hinter den ein-zelnen Elementen einer Kultur steht. Auch hier wird zur Gewinnung dersynthetischen Sicht eine breite Basis von empirischen, konkreten Detailsgefordert, zur integration of phenomena into an ever widening phenomenal

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