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Die Nachbarschaft der Deutschen und Slawen an der March : kulturelle und wirtschaftliche Wechselbeziehungen im nordöstlichen Niederösterreich
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I. Heimat an der Grenze

Rastlos strömt das graugrüne Wasser der March. An schrägen Stangenschaukeln die Taubelnetze der Fischer am diesseitigen Ufer und drübendrüben ist Niemandsland. Seit Jahren kommt kein Mensch mehr Überfahrtheischend an den Fluß; tschechische Grenzgendarmen oder Soldaten sah ichmanchmal im dichtverwachsenen Busch auftauchen und verschwinden. Dochheute läßt mich ein ungewohnter Ton aufhorchen. Es klingt wie das Quiet-schen schlecht geschmierter Wagenräder. Ich spähe von meinem Fischersitzhinüber, da erscheint in der Lichtung ein Slowak mit seinem Ochsenfuhr-werk. Als er mich erblickt, faßt er das Tier beim Horn und zwingt es stehenzu bleiben. Dann starrt er unverwandt zu mir herüber. Wer bist du?Was treibst du? Was denkst du? Zwei Wesen aus getrennten Weltensehen sich an, neugierig, mißtrauisch. Man hat Mißtrauen und Angst zwischendie benachbarten Völker gesät, und über dem Fluß, der bisher Verbindungzwischen ihnen war, eine unüberwindliche Schranke aufgerichtet.

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Es ist ein eigenartiges Gefühl, an einem solchen Grenzfluß zu verweilen,der so viel Geschichte, so viel Leid miterlebt hat. Vielerlei Völkerschaftenhat er an seinen Ufern gesehen, Illyrer, Kelten, Quaden und Markomannen,Hunnen, Goten und Langobarden zogen über ihn hinweg, awarische Reiterstürzten vom hohen Ufer in den Fluß, der Slawe siedelte geduldig still amRand der Wälder, bis er den von der Donau nordwärts drängenden Baiernund Franken Platz machen mußte. Und immer wieder stürmte es gleichschwarzen Gewittern vom Osten an den Strom; Ungarn und Hussitenraubten und sengten an der March, Tartaren, Türken, Schweden undKuruzzen lockte das reich bestellte Land, Kroaten und Slowaken zogen denFluß herauf, ein Völkerchaos brodelte an seinen Ufern, wo Tod und Lebenabwechselnd sich die Hände reichen, bis die Granaten des letzten, kaumnoch verwundenen Krieges über den Auwald heulten fürwahr eine langeKette von Bildern des ewig wandernden, kämpfenden, irrenden Menschen-geschlechts.

Unsere Heimat wurde im 11. Jahrhundert durch den Pflug des deutschenBauern erobert. Östlich der March wohnten die Ungarn, deren Ausdehnungs-wille wohl nach ihrer Niederlage auf dem Lechfelde eingeschränkt wordenwar, die sich aber mit dem seẞhaften Leben eines Bauern nicht befreundenkonnten und in kleinen oder größeren Scharen immer wieder über denGrenzfluß stießen. Der erste Bericht über Drangsale der Grenzer stammtaus dem Jahre 901, als die Baiern an der March von Ungarn überfallenwurden ¹). Das zweite Mal wird 1055 von einem verheerenden Einbruch derUngarn berichtet. Obzwar die Dörfer so angelegt waren, daß sie leicht ver-teidigt werden konnten, sahen sich die Grundherren genötigt, befestigtePlätze anzulegen. So entstand die Reihe der Burgen an der March, z. B.Bernhardsthal, Rabensburg, Hohenau, Drösing, Jedenspeigen, Dürnkrut,Stillfried, Angern, Baumgarten, Weiden, Kopfstetten usw., und weiter west-

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