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Masken in Mitteleuropa : volkskundliche Beiträge zur europäischen Maskenforschung ; anläßlich des sechzigjährigen Bestehens des Vereines für Volkskunde in Wien
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2. Das Alpenland

a) Das Obere Bohinjer Tal

Grundverschieden von der Ebene der pannonischen Land-schaft ist der gebirgige Bohinj mit seinem stillen See inmittender Julischen Alpen. Dem Verkehr entrückt dehnt sich hier inder Richtung Ost- West das Obere Tal" mit seinen fünf Dör-fern aus.

Hier sind bis heute uralte Maskenumzüge zum Jahres-wechsel erhalten geblieben, und zwar finden sie in den zweiwestlich gelegenen Dörfern, in Stara Fužína und in Studór, amStephanitag frühnachmittags statt, während sie in den restlichendrei Dörfern, gegen Osten zu, am Sylvesterabend bei Antrittder Dunkelheit üblich sind.

Die Maskengestalten werden hier šéme"( aber auch einfach,, koledenke") genannt. An den Umzügen nehmen gewöhnlich nurdie Burschen teil, die militärdienstreif geworden sind, ausnahms-weise tritt ein älterer Bursche bei. Da die Dörfer nicht großsind, gibt es im Umzuge manchmal nur 8-10 šeme.

Die Gruppe zeigt in allen fünf Dörfern die ähnliche Glie-derung. Es gibt vor allem das Elternpaar, Vater( uáča)und Mutter"( mat). Alle anderen Teilnehmer sind ihre Kin-der Söhne und Töchter, und sind auch danach gekleidet. BeimEintritt ins Haus wünschen sie allen ein glückliches Neujahr,geben einem jeden die Hand und verlegen sich dann aufs Betteln.Der Heischecharakter des Umzuges tritt somit sehr auffallendauf. Die Mutter" ist oft als hochschwangere Frau dargestellt,um, mehr Mitleid zu erregen", wie die Einwohner es mir er-klärten. Alle zusammen aber beteuern verschiedenartig ihreNot und Armut. So ist auch ein junges Paar dabei, welchesheiraten möchte, aber die Mittel dazu erst erbetteln muß. NachEmpfang der Gaben( eine Wurst, Branntwein oder Most), folgtder Tanz mit der Hausmutter und den anderen Familienmit-gliedern, es tanzen aber auch die šeme" allein. Alsdann ver-lassen sie das Haus und gehen weiter.

Neben diesem gemeinsamen Grundcharakter haben die ein-zelnen Dörfer auch abweichende Besonderheiten entwickelt.

Es ist interessant, daß man in den beiden Dörfern am west-lichen Talende, in unmittelbarer Nähe des Sees und der Hotels,die Vermummung in letzter Zeit aufgegeben hat. Die Burschenbringen ihre Wünsche unmaskiert vor. Doch hat man sich inStara Fužina zum Jahresende 1954 wieder für die Vermummungentschlossen, nicht aber so in Studor.

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