1.3. Göriach, Gemeinde Pusarnitz, Lurnfeld: Hof vulgoFeidele Nr. 18, Stallscheune( ,, Stådl"), datiert 1801. Der Ort liegt am südschauenden,relativ sanft auslaufenden Berghang über der breiten Einmündung des Mölltales in dasLurnfeld. Das von mir im Oktober 1945 aufgemessene Wirtschaftsgebäude dieses Paar-hofes bestand aus einem gemauerten Untergeschoß mit Querstall und dem drempelartigin Blockbau aufgeführten Scheunengeschoß mit Längstenne und Einfahrt(„ Tenn-pruggn") am bergseitigen Giebel; es war also seiner Anlage nach eine alpine Längs-scheune mit neuerem Stallbau 50. Der Bau hatte eine Länge von 11,90 m und war 12,70 mbreit. Das Scheunengeschoß bestand aus niedrigen, drempelartig aufgezimmerten Block-wänden und wurde durch zwei Querwände in drei Raumjoche unterteilt. Auf denQuerwänden bzw. Giebelwänden standen vier Gebinde eines 2,80 m hohen verdoppeltenPfettenstuhles mit Kranzzimmerung und in dessen Mitte ein ebenfalls 2,80 m hoher,, Firschtschtuehl" mit Firstpfette( siehe Abb. 15, Fig. 3). Die Höhe dieses Dachgestühlesergab hier bereits ein wesentlich steileres Dach, das nur wenig„ unter dem Winkel" abge-bunden war, wie es den Dachformen Innerkärntens allgemein entspricht. Ebenso die Ein-deckung mit breitscharigen Nagelschindeln und der bergseitige„ Schopfwalm", währenddas Gebäude an der Talseite einen offenen Steilgiebel hatte.
Die Rofen bestanden auch hier wieder größtenteils aus unbehauenen Rundhölzern,die mit ihrem Zopfende über dem Firstbalken in kantigem Zuschnitt verblattet undmittels eines Holznagels verbunden waren( Abb. 15, Fig. 3a).
Gegenüber den beiden vorigen Beispielen wird man nun das Dachgerüst desGöriacher Stadels sowohl in seinem Gesamtaufbau und in den Gefügeeinzelheiten wieauch vor allem in der Sorgfalt der Verzimmerung als besonders kennzeichnend für dieseArt der Dachbauweise beachten müssen. Sie läßt zugleich ganz deutlich die Abfolge er-kennen, in der beim Dachaufbau vorgegangen worden ist. Jedenfalls mußte zuerst derkräftige Pfettenstuhl mit den dreifachen Stuhlbäumen( Pfetten) auf den hohen Stuhl-säulen aufgezimmert, in den Gebindeebenen jeweils durch lange ,, Steigbänder" und inder Längsrichtung mit doppelten Kopfbändern sorgfältig abgebunden werden. Auf ihnstellte man sodann den ,, Firststuhl" und verstrebte diesen mittels kurzer Fußbänder mitden Riegelbalken des Hauptstuhles und ebenso durch Kopfbänder mit der Firstpfette.Erst dann wurden die Dachschräghölzer, die hier vom Besitzer als„ Spurn"( Sparren!)bezeichnet wurden, aufgezogen und am First miteinander verbunden sowie an den Fuß-pfetten eingeferst und angeschlagen( vgl. Abb. 9, Fig. 9). Hervorzuheben ist die Sorgfalt,mit der das Gerüst des Pfettenstuhles, insbesondere die Stuhlsäulen mit den doppeltenKopfbändern abgezimmert waren, was sich u. a. schon im Zuschnitt der Verblattungenund in der Gestaltung der kräftig( ± 5 cm) vorstehenden Nagelköpfe zeigt( siehe Abb. 15,Fig. 3b). Eine der Stuhlsäulen trug an dieser Stelle die Jahreszahl 1801 in Zimmer-mannsfarbe, eine Datierung, die offensichtlich mit der Aufrichtung des Bauwerkszusammenhängt und fraglos die Beteiligung von Berufshandwerkern erkennen läßt.Dabei ist weiters die Verstrebung des Pfettenstuhles in der Gebindeebene durch soge-nannte ,, Steigbänder" kennzeichnend, eine Zimmerungsart, die besonders im Lurnfeld-gebiet und im Mölltal bei Altdächern allgemein verbreitet war und die zumindestindirekt an die„, Steigbänder" und Schwertstreben der Ständerwerkscheunen Südtirols 51sowie an die ,, Schlußbänder" oberbayerischer Pfettenstühle 52 erinnert. Mit den„, abge-50 Vgl. Moser, Oskar: Das Bauernhaus( wie Anm. 11), S. 95 ff.
51 Vgl. Rhamm, Karl: Beiträge II/ 1, S. 820 f., Fig. 103-104. Siehe auch unsere Abb. 5,Fig. 2, oben.
52 Vgl. Gebhard, Torsten: Maßaufnahme eines Söldnerhauses aus dem LandgerichtRosenheim von 1816. In: Bayerische Hefte f. Volkskunde 12/2( München 1939), S. 17; der-selbe: Der Bauernhof in Bayern. München( 1975), S. 161 s. v.„ Schlußband" und Abb. 181und 205.
27