beantwortet werden: Denn die Höllenfahrtsszene ist bedeutender Fixbestandteil allerspäteren Osterspiele im lateinischen Westen. Der Stellenwert dieser Brauchhandlung istdemnach etwas unklar, da er an den bewiesenermaßen aufgeführten Spielszenen in By-zanz vorbeiführt und beleglos über den Ikonoklasmus zurückgeführt werden muß bis indie liturgischen Anfänge.
Direkte Evidenzen einer wahrscheinlich kontinuierlichen, vielleicht aber auch inno-vatorischen Spieltradition haben nur die Lazarusszene für Zypern und die Nipter- Szenefür Patmos ergeben. Darüber hinaus ist die Existenz liturgischer oder semiliturgischerRepräsentationen in byzantinischen Zeiten vielleicht doch um eine Spur wahrscheinlichergemacht, als die philologische Linie der Byzantinistik dies vermutet. 301 Denn zwischender offiziellen Liturgie und der lokalen Pfarrpraxis besteht ein Unterschied wie zwi-schen Ideologie und Realität. 302 Letztere hat natürlich das unaufhebbare Handikap derhöheren Beleglosigkeit zu tragen. Die Forschungsgeschichte zur Frage hat auch einigegeradezu traumatische Fehlinterpretationen und im großen und ganzen wenig taktvolleKontroversen ergeben, so daß der Entschluß verständlich erscheint, die wenigen Indi-zien mit einer vorläufigen Negierung zuzudecken, um nicht immer wieder die hoffnungs-losen Überinterpretationen samt ihren Korrekturen mitschleppen zu müssen. Eine solchemaẞvolle, bis zum Eintritt neuer Evidenzen temporäre Negierung von neuem, auch vonder Seite der neugriechischen Volkskunde her, zu befragen, dazu will vorliegender Ab-schnitt einen Anstoß geben.
2. 3. Elemente einer künftigen Theorie des Theaters
Jenseits der Aporie der Kunstwissenschaften, mit wissenschaftlichen Methodeneinen ästhetisch relevanten Gegenstand angehen zu müssen, stellt sich für die Theater-wissenschaft noch das zusätzliche Problem, gar keinen„ Gegenstand" zu besitzen, demman in der Betrachtung gegenübertreten könnte, sondern ein prozeßhaftes transitorischesEreignis, an dem man teilnimmt und es als Zuschauer selbst mitformt oder aus Spurenzu rekonstruieren versucht. Das hat dazu geführt, daß die erste Forschungsphase derjungen Theaterwissenschaft, die historische, zu keinem eigentlichen Begriff ihres ,, Gegen-standes" gekommen ist, wenn man davon ausgeht, daß Forschungsobjekt nicht bloß dasinstitutionalisierte Theater ist, sondern das„, Theatralische". 303 Eine zweite Forschungs-phase, an deren Beginn wir stehen, und die sich z. T. von der ersten abzusetzen ver-sucht, 304 will das„, Theatralische" im situativen Aspekt in den Griff bekommen, wobei
301 Daß die Kontroverse, trotz der Stagnierung des Belegmaterials sporadisch immer wiederaufflammt, zeigt eine neuere Arbeit: B. Erbe, En undersøgelse af byzantinsk teater. ActaUniversitatis Bergensis, Series humaniorum litterarum. Arbok for universitetet i Bergen, humani-tisk serie 1972: 2, Bergen 1973, die auf den Untersuchungen von Vogt und La Pianaaufbauend zu dem Schluß kommt, die Homilien hätten zu keiner Ausbildung eines liturgischenTheaters geführt, wohl hätte aber der Mimus durch all die Jahrhunderte weiterbestanden. DieUntersuchung bringt im wesentlichen nichts Neues als die Bestätigung, daß über den Begriff des,, Mimos" keine Einigkeit herrscht. Denn zählt man die brauchtümlichen theatroiden Manifesta-tionen dazu, dann ist eine Kontinuität zu belegen( vgl. Tinnefeld, 1974: 321 ff.), verstehtman jedoch darunter die theatralische Institution ,, Mimus" der spätrömisch- hellenistischen Stadt-kultur, so ist ein solches Fortleben doch zumindest fragwürdig( zur Diskussion Reich, 1903;A. Vogt, Le théâtre à Byzance et dans l'empire du IVe au XIIIe siècle. I. Le théâtre profane.Revue des questions historiques, LIX( 1931), 257-296; Theocharidis, 1940).
302 Auch die Höllenfahrtsszene ist nicht in den kanonischen Texten verankert.
303 Die Phänomenologie dieses existenziellen Situationsepithetons reicht weit über dasinstitutionalisierte Theater hinaus.
304 Vgl. etwa die vehementen Kritiken an der bisherigen Theatergeschichtsschreibung inSteinbeck, 1970: 13 ff., 25 ff., 32 ff. und Paul, 1971: 55 ff.
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