gischen Kunstgriffes ist wohl kaum zufällig, so daß sich hier die Evidenz eines direktenZusammenhangs der beiden Nipter- Szenen nicht abweisen läßt. 274
Die dritte Szene, die Ölbergszene, entspricht in etwa dem Anfang der 5. Szene deszyprischen Passionszyklus, dem Verrat. 275 Hier ergibt sich auch ein Anhaltspunkt fürdie liturgisch eigentlich inkorrekten Reihenfolge: Die Nipterszene müßte an sich vor demVerrat und der Gefangennahme am Gründonnerstag spielen. 276 Die älteren und neuerenBeschreibungen der Aufführung außerhalb von Patmos spielen am Gründonnerstag, sodaß von einem originären Zusammenhang der Szenen nur in liturgischem Sinne die Redesein kann. 277 Man darf allerdings nicht vergessen, daß die Nipterszene auch geschehnis-kausal deutlich genug auf den am Gründonnerstag stattfindenden Judasverrat Bezugnimmt.278
Mit großer Wahrscheinlichkeit steht also die Nipter- Szene des Johannesklosters aufPatmos und die Szene 4 des zyprischen Passionszyklus aus dem 13. Jahrhundert ineinem nicht näher zu kennzeichnenden Zusammenhang. Für alle anderen Nipter- Dar-stellungen ästeren oder jüngeren Datums muß dies hypothetisch bleiben, da das in denBeschreibungen gebotene Bild eine über die gemeinsame Bibelvorlage hinausgehendeÄhnlichkeit nicht erkennen läßt.279
2. 2. 3. Die Höllenfahrt Christi
Kukules vertritt die Ansicht, daß der zyprische Passionszyklus mit seinen neunSzenen, 280 so wie er überliefert ist, unvollständig ist, und daß man sich noch eine Szenedes Abstiegs Christi in den Hades dazudenken müsse. Unter Berücksichtigung der etwasanderen Jenseitsvorstellungen entspricht diese Szene der Höllenfahrt Christi( mit Über-windung des Satans) im lateinischen Westen, die den eindrucksvollen Abschluß der er-
274 Daran ändert auch der vorzeitige Abbruch der Rede Christi( Joh. 13, 12-17) imGegensatz zur vollen Ausführung im zyprischen Szenarium( Joh. 13, 12-20) nichts. Die Ver-meidung der allzulangen Rhesis entspricht dem halb volkstümlichen Charakter der Szene; beideemphatische Passagen beginnen mit einem ,, Wahrlich, wahrlich, ich sage euch".
275 Patmos: Matth. 26, 36-46, Zypern: Matth. 26, 31-40, 45-46. Die patmische Szenesetzt sofort bei Gethsemane ein und führt Christi Gang, Gebet und Rüge der Jünger bibelgetreudreimal durch, während man sich im zyprischen Szenarium auf ein einmaliges Gebet beschränkt.Dort fährt die Szene mit Joh. 18, 4-5 fort, der Gefangennahme Christi: Der gleichzeitige Ab-bruch bei Matth. 26, 46( worauf in 47 sofort die Gefangennahme erfolgen würde), was in Patmosso etwas wie einen offenen Schluß hervorbringt, kann nicht als Evidenz für einen direkten Zu-sammenhang der Szenen gelten. Das müßte die Annahme voraussetzen, daß die patmische Öl-bergszene einmal viel länger war, wozu quellenmäßig kein Anlaß besteht, wenn man noch dazuden dramatisch wirksamen„, offenen Schluß" mit dem indirekten Hinweis auf den Judasverratund die Gefangennahme Christi in Rechnung stellt, der im Sinne einer Internalisierung des Heils-geschehens wahrscheinlich viel wirksamer ist als die bescheiden- symbolische Darstellung auf demHauptplatz von Chora auf Patmos.
276 Für Karmittwoch abend gibt es eine einzige Evidenz: Nur in Madytos wurde die Szenezu diesem Zeitpunkt aufgeführt( Anonym, 1936/37: 110 f.).
277 Daß die Szenenabfolge in diesem Falle mit der Abfolge der Szenen 4 und 5 des zypri-schen Passionszyklus übereinstimmt, sagt nichts weiter aus, als daß beide getreu dem Evangeliumfolgen.
278 Vgl. die Anspielung am Ende von Joh. 13, 10 und die Aussparung von Joh. 13, 11.
279 Damit ist die These von Kukules( 1948-1955: 6, 111 f.), daß in der Nipter- SzeneTeile eines allgemeineren Dramas, wie sie die Zypern- Form darstellt, zugleich bestätigt undmodifiziert. Bestätigt durch die Evidenz des Zusammenhangs mit der Patmos- Aufführung, modi-fiziert insofern, als dieser Zusammenhang bei allen anderen Aufführungen hypothetisch bleibenmuß. Für die gefühlsmäßige Richtigkeit der Ansicht des bedeutenden Byzantinisten lassen sichkeine weiteren Beweise erbringen.
280 Die 10. Szene, die Berührung der Wunden durch Thomas, hält er für nicht organischzum Osterzyklus gehörig( Kukules, 1948-1955: 6, 110 ff.).
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