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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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Die Tragudia enthalten demnach theatralische Kerne und sind aus den Verbalteilen vonRitualdramen entstanden, deren Reste man in brauchhaften Dromena noch heute beob-achten kann.

Diese kühne und bestechende Hypothese setzt allerdings voraus, daß die rezentenKarnevals- und Zwölftendromena Survivals dionysischer Riten sind, sozusagen miẞ-glückten Entwicklungsmöglichkeiten des altgriechischen Dramas. Hierfür ist aber nochein näherer Erweis zu erbringen, wofür man die szenenartige Struktur und die vermuteteorchestrische Präsentation der Tragudia nicht heranziehen kann, weil man sonst in einenZirkelbeweis gerät. 28 K. Romaios führt drei fundamentale Argumente ins Treffen:1. die namentliche Übereinstimmung von Ayevins und Atóvooos, 24 2. die Tatsache, daßbei den Anastenaria( die er für, dionysisch" hält), das akriteische Lied vom Kleinen Kon-stantinos gesungen wird 25 und 3. daß das Gefolge von Dijenis Schwänze wie die diony-sischen Satyrn trägt.26

2.1. Altgriechische Theaterentwicklung

Eine Konstatierung des möglichen Erkenntniswertes der rezenten Brauchhandlun-gen für die vorthespischen Entwicklungsphasen der altgriechischen Tragödie sowie fürdie praearistophanische Komödie stößt an dieselben Grenzen wie die Kontinuitätsfrage:

Übergang, die Handlung entwickelt sich rasch und in kurzen Dialogen, der Aufbau zeigt sym-metrische Parallelität. Nach K. Romaios geht der Inhalt des Liedes auf den Mythos vonIxion zurück, den Zeus auf die Probe stellt, indem er ihn die als Hera verkleidete Nephele ver-führen und mit ihr die Zentauren zeugen läßt, welcher Mythos sowohl von Aischylos wie vonEuripides in einer Tragödie gestaltet wurde, und der auch möglicherweise im Pantomimus ge-spielt wurde.

23 Trotzdem die apodiktischen Möglichkeiten begrenzt sind und der Detailbeweis kaum zuerbringen ist, findet K. Romaios' These Rückhalt in anderen Arbeiten, die derlei großeZusammenhänge behandeln: So etwa in E. Müller- Bochats Versuch, die mittellateinischenElegienkomödien, die spanische Comedia und die italienischen Novellensammlungen auf dasVorstellungsrepertoire spätantiker Mimen zurückzuführen( vgl. E. Müller- Bochat,Mimus, Novelle und spanische Comedia(= Romanische Forschungen 68) 1957; ders., Lope deVega und die italienische Dichtung, Mainz 1956(= Akad. d. Wiss. u. d. Literatur, Abh. d.geistes- u. sozialwiss. Klasse 12). Auf Postulate genereller Koinzidenz von Mythos und Saison-ritus( Gaster, 1950) bzw. von Märchen, Drama und Mythos( Raglan, 1949) wurdeschon eingegangen.

24 Die Übereinstimmung wird im Pontischen Idiom, das Elemente des Jonischen Dialektsbewahrt, deutlich. Während die schon zu byzantinischen Zeiten geläufige Etymologie Ayevsals Ato- révns( Zwei- Geborener) ableitet, lautet sein Name in den pontischen Varianten Atovsim Dodekanes und auf Zypern Atevns. Dijenis geht demnach auf Dionysos zurück. Eine ähn-liche Annäherung ergibt sich auf den Ägäischen Inseln: Die dionysischen NamensformenΔιένυσος( Amorgos), und Aivocos( Lesbos) entsprechen dem akriteischen Atevns auf derDodekanes( K. Romaios, 1964 c: 220 ff.).

25 Die Aufnahme dieses Liedes ist der Namensgleichheit mit dem Heiligen zu verdanken.Die dionysische Abstammung der Anastenaria ist für K. Romaios nach eigenen Feldstudien( 1954: 316 ff., 1955: 367 ff., 1962: 12 f.) evident.

26 Dazu besonders St. Kyriakidis, Οἱ ἀντρειωμένοι καί ουρά των, ΗΜΕ 1927, 499bis 511. Weitere Übereinstimmungen ergeben sich aus den phallischen Elementen im Lied desΓιάνναρος( damit ist Dijenis gemeint: Διγενής Διανής-- Διγιαννός- Γιάννος): er wird an derWegkreuzung begraben, doch sein Glied ragt noch drei Spannen aus der Erde. An dieserStelle erinnert K. Romaios auch daran, daß Dawkins den Kalojeros als phallisch be-zeichnet habe. Das ithyphallische Motiv ist in seiner Universalität durch alle Kulturen hin-durch für einen Kontinuitätserweis denkbar ungeeignet. Eine weitere Übereinstimmung ergibtsich für K. Romaios in der Figur der Kadina, die in allen Agonen siegt und zuletzt unter-liegt und geschwängert wird( besonders ausführlich in Nr. 1532 des Fallmaterials), was derAmazone Maximo in den Akritenliedern entspricht, die zuletzt von Akritas überwältigt wird( das Motiv ist auch im Epos breit ausgeführt).

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