internationalen Forschung vorsichtig, daß der Kalojeros vielleicht einiges Licht inEntwicklungsphasen des antiken Dramas werfen könnte, die bisher dunkel blieben: 510Die theaterstrukturellen Probleme seien hier dieselben wie in der vorthespischen Phase.Die embryonale Theatralität lasse sich an einigen Elementen ablesen: Der König oderBey fungiere als Chorege; 511 die Verkleidung habe nicht nur magische Finalität sondernauch spektakuläre Kapazität; 512 die Handlung des Dromenons sei emotional bewegendund affektiv strukturiert( im Sinne einer„ Katharsis"); der Wagen des Königs oder Beysstehe eventuell mit dem Dionysoswagen( oder dem Thespiskarren?) in morphologischerStrukturaffinität; im Bittlied an Gott um Fruchtbarkeit am Ende des Dromenons kommees zu einem Wechselgesang zwischen Vorsänger und Gemeinde; 513 komische, tragischeund ästhetische Elemente seien im Embryonalzustand vorhanden. 514 Conclusio: Das Dro-menon stellt ein traditionelles Kultzeremoniell kurz vor seiner( potentiellen) Emanzipie-rung zur theatralischen Gattung dar. Die aristotelische Theorie der Entstehung der bei-den Dramengattungen aus der Improvisation( Poetik 4, 1449 a) könne man am Kaloje-ros verifizieren. In der Frage, wie es von den improvisierten Mimodramen anonymerJoculatoren bei Saisonfesten über das festliegende dionysische Kultzeremoniell zu Thes-pis gekommen sei, eine Frage, zu der die Philologie wenig beibringen könne, könne derKalojeros bei vorsichtiger Interpretation und immer im Blick auf weiteres ethnographi-sches Material als anschauliches Paradigma weiterhelfen.515
Als komplexestes Verkleidungszeremoniell des Südbalkanraums mit deutlichen An-sätzen zu einer Theaterentwicklung läuft das Kalojeros- Dromenon Gefahr, als isolierterIdealtyp quer durch Zeiten und Räume hindurch verglichen zu werden, ohne daß seinechorologisch- chronologische Bedingtheit und seine Verankerung im Kulturkontext desautochthonen Topokosmos 516 berücksichtigt wird. Kommensurabel ist überdies nur dieganze Brauchschicht, wenn sie Variationen in einem historischen und geographischen Ver-breitungsraum einigermaßen erschöpfend umfaßt. Denn erst in einer breiteren Phäno-menspanne kann die Struktur sichtbar werden.
7) Topologische Struktur
Der strukturelle Zusammenhang zwischen Sammelumzug und dem Komplex Dro-menon- Maske bzw. Rollengeflecht- Theater manifestiert sich äußerlich in einer Zahl:55,3% der Fallstudien von 1.7. und 1.8. finden nachgewiesenermaßen in irgendeinerForm als Sammelumzug statt. 517 Damit ist jede Zufälligkeit eliminiert. Die Bemerkung
profanen Entstehung des mittelalterlichen religiösen Dramas, Brody( 1970: 104 ff.) zieht ausder Existenz des Kalojeros die Berechtigung, die Mummery Plays mit den antiken Mysterien-kulten zu vergleichen.
510 1963: 153 ff., bes. 155 ff., 159 ff.
511 Er ist Chorführer und sucht die Mimen nach ihrer Eignung aus.
512 So zeige der hohe Filz des Kalojeros sofort den Protagonisten an.
518 Das entspricht der Dithyrambosstruktur. Aus der Epode haben sich Anrufungshymnen,Päan und Dithyrambos entwickelt. Der Kalojeros befinde sich also noch im Stadium vor derAnrufungshymne der Initialpoesie. Trotzdem seien schon tragische Elemente vorhanden.
514 So in der launisch- improvisierenden Atmosphäre des Wortspiels beim Umgang und imThrenos.
515 1963: 179. Die Existenz von Thespis ist für Kakuri fraglos.
516 Der Ausdruck wird im Sinne von Gaster( 1950: 3 ff.) verwendet, wo er„, the entirecomplex of a given locality" bezeichnet, topographisch, sozial und noetisch, reale und idealeKontinuität einer begrenzten Umwelt( ,, Lebensraum").
517 Hier muß eine Dunkelziffer von 10 bis 20% dazugerechnet werden, die durch Unter-bestimmung in der Quellendeskription besteht. Dieser Erfahrungswert resultiert aus der Synopsisdes Gesamtmaterials.
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