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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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donnerstag. Direktes Vorbild ist die kirchliche Begehung der Leiden. Die Noma-den gehen i. a. nicht in die Kirche und haben auch keinen Priester. Ein ruhigesZelt( xováxt) wird ausgewählt und dort am Karfreitag Christus aufgebahrt undbeklagt. Die Geistlichen werden von Frauen vertreten, die Sänger sind Kinder.Aus der Kirche holt man geweihte Blumen für den eigenen Epitaph. Christuswird durch ein etwa 80 cm großes Kreuz dargestellt, an das ein Weidenzweiggebunden wird, und das in ein schwarzes Tuch gehüllt in den Zelten herumge-tragen wird, wobei man die Leiden Christi besingt. Die alten Frauen( ẞáßec) ver-sammeln sich inzwischen am Grab" im Konak; sie tragen tiefe Trauer, sindschwarz gekleidet, der Schleier reicht oft bis zum Mund. Drei der Frauen stellenMartha, Maria und Magdalena vor und bereiten die Figur des Heiligen Toten"vor. Sie umwickeln ein Holzstück mit Leinwand, formen den Kopf aus Lein-wandballen und malen ihm ein Gesicht auf. Als Leichentuch nimmt man einStück Leinwand mit einem Loch, durch das der Kopf der Figur gesteckt wird.Die Figur wird auf einem niedrigen Tisch( táẞla) oder auf eine erhöhte Flächeaus Steinen unter den Ikonen aufgebahrt". Beim Kopf brennt das rote Licht;die drei Marien sitzen um das Grab", eine am Kopfende, eine links und einerechts, mit herabgezogenem Schleier, schweigend, nüchtern, und beweinen denganzen Tag den Toten. Die Kinder beenden gegen Abend ihre Umzüge und kom-men in den hl. Konak, wo die alten Frauen weinen, und beklagen in improvi-siertem Gesang die Leiden Marias. Sie wird Trösterin" genannt, denn sie stehtals Beispiel für alle Frauen, die ihren einzigen Sohn verloren haben. Am Abendwird die Puppe zerstört, das Holz weit weg in eine Schlucht oder ins Gehölz ge-worfen. Die Teilnahme am hl. Leiden geschieht in der Gewißheit der AuferstehungChristi. Die einzigen verbalen Bemerkungen, die die alten Frauen an diesem Tageim Konak von sich geben, beziehen sich auf das Heilsgeschehen: ,, Sie haben ihnergriffen..." ,,, Sie haben Ihn verurteilt.". ,, Jetzt kreuzigen sie Ihn..." AmAuferstehungstag ist der Triumphruf Xploròs& véorn! zu hören. V. Kakuri,1965: 21 ff.

1619) Capála( 291, 2 a) Megas, 1951: 3, 158 f; 1956: 25 f.

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1. 8. 2. Dialogisches Rollen geflecht

Das landläufige Verständnis einer dramatischen Aufführung impliziert den durch-gehenden Dialog und steht damit in Analogie zur Tatsache, daß- zumindest seit derAufklärung- Wirklichkeit in Sprache gefaßt und gedacht wird. In Epochen oder Räu-men der Hegemonie praeverbalen Bilddenkens ist der Dialog als Mittel der Interaktions-darstellung nicht unentbehrlich und es überwiegt die optische Präsentation einer Figuren-relation, ausgedrückt in Aktion, Symbol und Allegorie. Die Konstituierung einer neuenWirklichkeitsebene, besser eines neuen Wirklichkeitsraums, hängt nicht sosehr von derAnzahl der ihn definierenden Rollenfiguren ab als von der Ausführung der Dialektik derHinsichten, der Überkreuzung der Rollenperspektiven( Rapp). Genügen zur Defi-nition einer geometrischen Ebene drei Punkte, so scheinen auch- in Analogie zurGruppentheorie drei Rollenfiguren, drei Blickwinkel zur Definition eines Realitäts-raumes zu genügen: Doch können auch zwei Rollenfiguren an derselben Perspektive teil-haben, oder eine Rollenfigur verschiedene Blickwinkel haben( Ein- Rollen- Stück).- Dietypisierten Rollenfiguren sind der Erklärungslast ihres Wirklichkeitshintergrundes( wassich meist verbal vollziehen muß) z. T. enthoben, da ihre Perspektive dem Publikum be-kannt ist, und schon ihr Auftreten den Bedeutungskontext signalisiert. Der Dialog ver-liert vollends seine realitätsdefinierende Funktion, wenn man bedenkt, daß auch die

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