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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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1. 6. 4. Mimetisches Agieren mit anthropomorphemGegenstand

Zwei direkte Entwicklungswege zum organisierten Rollenspiel scheinen möglich: Eswird ein Mensch statt eines anthropomorphen Gegenstandes eingesetzt( in Requisiten-funktion wie etwa der Tote bei Scheinbegräbnissen), oder es entwickelt sich zwischendem Requisit und dem Agierenden eine, Rollenbeziehung", die aber archetypisch undnicht realitätskonstituierend ist( etwa die Klagenden und die Lidinos- Puppe). Der Über-gang vom Agieren zum Theater als realitätsdefinierendes Rollengeflecht ist potentiellgegeben, scheint in realiter aber viel weniger beschritten als der Übergang vermittels derMetamorphose durch Verkleidung. Der Actus bleibt rudimentär und ohne Konsequenzen,reicht für eine Rollenmanifestation nicht aus.

1.6.4.1. Judasverbrennung

Judas, der Verräter des Herrn, ist eine ebenso vielzitierte Volksfigur wie Lazarus.Die Evangelisten berichten wenig und mit Inkonsequenzen über ihn, so daß den münd-lichen Traditionen großer Variationsspielraum bleibt.

Die Judas- Legende findet durch die Legenda aurea( 45. Kap., 13. Jahrhundert)Verbreitung in ganz Europa. In verschiedenen oralen Traditionen nähert sich Judas derÖdipusgestalt( Blutschande, Vatermord, Aussetzung usw.), aber auch der Figur des Kain( Brudermord).258 In der Folge wird ihm jedes Verbrechen und jeder Verrat zugeschrie-ben, er wird dem Teufel gleichgesetzt, dem bösen Geist, und muß als solcher verbranntwerden. 259 Auch sein Selbstmord ist bloß eine berechnende Tat: Er will vor Christus imHades sein, um, wenn der Herr hinabsteigt, die Seelen zu erlösen, auch mitbefreit zuwerden. Doch der Feigenbaum( Judasbaum), an dem er sich erhängt, ist sehr biegsam,und so bleibt er halberwürgt hängen und stirbt erst nach Christi Auferstehung.260 DieJudasverbrennung ist fest eingebunden in den Osterzyklus und trägt stark antisemitischeZüge. 261 In der apokryphen Überlieferung galt Judas schon als Knabe gebrandmarkt( rotes Haar). Die Kulminationspunkte des Brauches sind 1. während der Epitaphprozes-sion, 2. gleich nach dem ersten Auferstehungsruf in der Osternacht, oder 3. nach demVersöhnungsfest der Agape( 2. Auferstehung) am frühen Nachmittag des Ostersonntags.In jedem Fall steht die massive Abfuhr von Haß und Aggression in scharfem Kontrastzu den vorher intensiv angesprochenen Emotionen: 1. Trauer, 2. Freude, 3. allseitigeVersöhnung. Die Höhepunkte des Osterzyklus erhalten so eine effektive Affektpolari-sierung, die ,, dramaturgisch" und geschehenskausal richtig eingesetzt ist: ad 1. die Trauerschlägt um in Haß, denn Judas ist schuld an Christi Tod, ad 2. mit dem ersten Aufer-stehungsruf in der Osternacht setzt meist ein( apotropäischer) Höllenlärm ein, wobei ein( lächerlicher) Judas abgeschossen oder als Feuerwerk abgebrannt wird, ad 3. die Rück-seite der Versöhnung ist die Austilgung der Zwistigkeiten: der böse Judas wird verbrannt( Purifikation). Die Affektstruktur hat aber keine genetische Validität: nach Wredegehört das Judasfeuer( mit oder ohne Figur) zu den Frühlingsfeuern des agrarkultischen

258 Dazu Megas, 1941/42: 3 ff. und Politis, 1904: B', 787.

259 Megas, 1941/42: 3 ff. Ioannidu in MEE 13, 103 f. hält diesen ethisch- purifika-torischen Bezug für sekundär und hält mit Frazer- Judas für einen in den christlichenMythos ,, übersetzten" Epochendämon, der im Jahresfeuer verbrannt wird.- Zur Ausbreitungder Judaslegenden vgl. Kretzenbacher, 1961: 1 ff.

260 Zu diesen Traditionen: Politis, 1904: A', 103, eine Erzählung aus Lefkas( 6),Kommentar 1904: B', 787; Ioannidu in MEE 13, 103 f.; Megas, 1941/42: 3 ff.( er hebtauch die lächerlichen Züge der Judasfigur hervor und führt noch eine andere Tradition an,nach der Judas aufgeschwollen und zerplatzt ist); Oikonomidis, o. J.: 937 ff.

261 Gegen Argenti/ Rose, 1949: 1, 367.

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