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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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1.6.3.5. Ekstatisches Agieren: Anastenaria

Der ekstatische Feuertanz der Anastenariden mit ihren speziellen, von der üblichenHagiographie abweichenden Ikonen, gehört zu den komplexesten Zeremoniellen des vor-liegenden Datenmaterials. Das Dromenon mit Hagiasmos, Tieropfer, Pompe, zyklischenProzessionen und Tänzen, Pyrobasie, Mystagogie und ekstatischer Verzückung, Berglauf,Thiasos- Bildung mit sozial privilegiertem Status, Iatrosophie uśw. bietet historisch,psychologisch, medizinisch und anthropologisch derart viele Ansatzpunkte und Querver-bindungen, daß eine respektable Primär- und Sekundärliteratur rund um das Phänomenentstanden ist. Dies legt den Gedanken nahe, in der Materialdarstellung die Deskriptio-nen rigoros zu beschränken und einfach den chronologisch ersten Bericht mit der detail-liertesten und fundiertesten rezenten Autopsie zusammenzustellen. Eine kritische Litera-turübersicht, die im Ansatz die deskriptive Variationsbreite sowie die theoretischenÜberlegungen einzelner Fachdisziplinen zu Details des Zeremoniells umfaßt, wird in denExkurs verwiesen. Als neues Element im Schema der hypothetischen Theatrogenesetritt das Opfer hinzu, das nach Ansicht mancher Forscher an der Ausformung der alt-griechischen Tragödie entscheidend beteiligt gewesen sein soll. 250 Ikonen und Zeremoniellsind als semichristlich zu betrachten, da die Anastenariden zwar Christen sind, derOrden aber von der Kirche als Häresie und der Brauch als idolatrisch verfolgt wird. Diesgilt für die nach Griechenland verpflanzten Formen, nicht für die Brauchübung im Ur-sprungsraum, der heute dem bulgarischen und türkischen Staatsgebiet angehört. Die De-tailforschung wurde besonders von Bulgaren und Griechen durchgeführt. Das Ausbrei-tungsfeld der Anastenaria während der osmanischen Herrschaft lag in Ostthrakien, naheder Küste des Euxinischen Pontus, an der festländischen Wurzel der Haimos- Halbinsel,die in den Bosporus ausläuft, und umfaßte 18 Dörfer 251 mit griechischer und bulgari-scher Population: griechische Dörfer: Kosti( 232, 2 b) 300 Familien, Brodivo( 85, 2 b)-140, Ajios Stefanos( 29, 2 a)- 200, Kolantzas 14, Askitzim( 69, 2 a) 100, Trulia( 497, 2 a) 100, Urgas( 361, 2 a)- 100; bulgarische Dörfer: Urgari- 120, Martzevo45, Varvara, Rezovo( Rezvi 435, 2 b)- 70, Blatsa( 82, 2 a)-115, Matzura 120,Pergoplo( 428, 2 b) 70, Urum- Megli( 362, 2 a)- 170, Jatros( 157, 2 a)- 100, Pene-kas( Pinakas 402, 2 a)- 280; gemischt: Janna( Jenna 155, 2 a) 120 bulg. 250griech. 252 Nach den Balkankriegen und dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen-land und Bulgarien( 1919) zogen die Griechen aus Thrakien ab und wurden in Makedo-nien angesiedelt. An vier Stellen flackert die Brauchtätigkeit mit verschiedener Vitalitätwieder auf: in Ajia Eleni( 14, 8 j), wo die Leute aus Kosti, dem ehemaligen Zentrum derAnastenaria, angesiedelt wurden, im nahen Lankadas( 257, 8 c), weniger in Mavrolefki( 305, 8 a) und Meliki( 314, 8 b). Eine schematische Orientierung über die Aktionen unddie soziale Institution der Anastenariden sei hier noch angeführt: Die Anastenariden sindein semichristlicher Orden, ein Thiasos von Gläubigen mit einem gewählten Führer, demArchianastenaris, der absolute Befehlsgewalt ausübt. Ihr Sitz ist das Haus des Anführers,wo die Ikonen, die Werkzeuge für das Stieropfer usw. im Ikonenschrein aufbewahrtwerden. Die Ikonen zeigen den hl. Konstantin und seine Mutter, die hl. Helena( Eleni)scheinbar tanzend( ein Bein ist gestreckt). Das Zeremoniell kulminiert im Zeitraum vom21.- 23. Mai( in Bulgarien auch andere Termine).- Vorbereitung: Ein Hagiasmos für

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250 Erwähnt sei hier nur die Entdeckung des Zusammenhangs durch G. Hauptmann,1908 und die neueste philologisch- anthropologische Arbeit von Guépin, 1968.

251 Nach Megas, 1960/61: 481 ff.

252 Die Dörfer Rezovo, Blatsa, Matzura und Pergoplo werden von Churmuziadis,1873 als griechisch bezeichnet. Dorfgruppen in diesem Gebiet, die die Anastenaria nicht kennen( wie die um Malko Tirnovo 292, 2 b), pflegen aber das Kukeri- oder Kalojeros- Zeremoniell, sodaß zwischen beiden Brauchformen schon rein geographisch ein Konnex zu vermuten ist.

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