Weltbildes. Durch den Brauchtermin( ,, Hieros Chronos"), Isolation, ritualisiertes Ver-halten, bedeutende Gegenstände usw. bindet die Gruppe der Brauchträger einen Teiljener fluktuierenden„ Kraft" 199 an sich und teilt sie jedem ,, Haus" und seinen Bewoh-nern schon durch den bloßen Besuch mit. 200 Dieses dynamistische Konzept ist sozusagendie abstrakteste Interpretation der Vorgänge, ein Konzept, das in Reinform nie auftrittund als theoretischer Gegenpol zum realen Tauschvorgang in der Interpretation derempirischen Daten fungiert. Zu dieser Übertragung durch reine Anwesenheit tritt infast allen Fällen das symbolhältige Wort und der Akt, die beide im Analogieverfahrenin die freie Zirkulation von Gut und Böse eingreifen und die Situation zugunsten derangesprochenen Familie gestalten.
Über Dominanz oder Absenz solcher ,, irrealer" Dimensionen im Brauchvollzug ent-scheidet nicht nur der jeweilige oikotypische Kulturkontext sondern auch psychische undintellektuelle Disposition sowohl bei den Akteuren als auch bei den Rezipierenden sowieEinflußfaktoren des Augenblicks. Stellt man dazu die Rapidität des Wandels ruraler Le-bensformen und Mentalität in Rechnung, so bleibt als nächste standfeste und allgemeineTatsache nur die soziale Verankerung des Brauchs in der Tradition, d. h. man kann fest-stellen, ob es einen Brauch gibt oder nicht, wie er ausgeführt wird und ob das einmalanders war, aber Prozesse wie Symbolschwund,„ Profanisierung" usw. sind im Einzel-fall kaum zu belegen und erhalten erst in ausgedehnter Komparation einigen realenBoden. So hat das dynamistische Konzept nicht den Stellenwert einer Grundstruktur imSinne faktisch- historischer Vorgängigkeit( ,, einmal" wurden Sammelumzüge so gemacht),sondern heuristischen Wert zur kategorialen Bewältigung der Variationsbreite der realenErscheinungen. Das kausalfixierte Denken der fragenden Wissenschaft behilft sich beiderartigen, als„, prälogisch" apostrophierten Materien mit definitorisch offenen und am-bivalenten Begriffen( ,, Magie", Animismus, Tabu usw.), was zu kommunikativer In-effektivität Anlaß geben kann, oder sie muß eine hohe Abstraktionsstufe erklimmen, woauch ihre eigenen Voraussetzungen( logische Axiome) zum Problem und Thema werden.In diesem Sinne ist es frag- würdig, ob nicht auch Erklärungsversuche wie das dynamisti-sche Konzept bloß ihrer Fragestellung entspringen. Die verstärkte Rückbindung an dasempirische Tatsachenmaterial und der Verzicht auf zu anspruchsvolle Theoreme( Philo-sopheme), die ohne ausreichende faktische Rückendeckung dastehen( Überinterpreta-tion), verhindert eine vorschnelle Hypothesenbildung mit universalem Interpretations-anspruch, die im Zuge der Widerlegung nur Arbeitskraft bindet und als Um- oder Ab-weg den Gang der Forschung verzögert.
7) Ursprungstheorien
Die vorhandenen theoretischen Ansätze stellen die Kalanda mit zwei historischenPerioden in Zusammenhang, der hellenistisch- römischen Antike und Byzanz, wobei beideArgumentationen auch zusammenlaufen können und dann in eine ,, Kontinuität" mün-den. Doch ist die Art des Zusammenhangs nicht restlos klar und die Bezugspunkte hete-rogen. Im wesentlichen soll der Sammelumzug aus dem römischen Festkalender entstan-den, später aber auch von den Lehrern zur Eintreibung von Sonderzahlungenan Fest-tagen benützt worden sein.201 Die römischen Calendae Ianuariae, das spätere Neujahrs-199 Pfister( HDA 5, 792 ff.) spricht in diesem Zusammenhang von„ zentrifugaler" und,, zentripetaler" Kraft.200 Der Terminus„ Mana" wird bewußt wegen der herrschenden Kontroversen um Defini-tion und Gültigkeit des Begriffes vermieden.
201 Kukules gibt dafür eine Stelle bei Livanius im 4. Jahrhundert nach Chr. an( Livaniiopera, res. Richardus Foerster- Richtsteig, Bd. 1-7, Lipsiae 1903-1913, Eis ràs Kalávdas1, 397, 11), wo dem Lehrer ein vergoldeter Apfel zugeschickt wird. Sondergelder sollenauch schon 155 v. Chr. nachgewiesen sein( Kukules, 1948-55: I, 87). Auch Spyridakis
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