darf die Kalandasänger ungestraft am Singen hindern. Dem heortologischen Teil folgtder enkomiastische, abgestimmt auf die Familienzusammensetzung und den sozialen undprofessionellen Status des Hausherrn. Die Speziallieder, deren Typik im wesentlicheninvariabel ist, sind ein Schlüssel für die Definition und Deskription ausgeformter sozialerPositionen und den dazugehörigen Rollenerwartungen im Beziehungsgefüge der Dorf-gruppe. Die Kriterien, die ein Individuum zu einer kommensurablen Größe für die Sozie-tät machen, sind Alter, Geschlecht, Status und Beruf, wobei wertende Reaktionen sichnicht auf den Einzelnen als solchen, sondern auf den Familienverband( das„, Haus") be-ziehen. Ohne Kennzeichnung der Profession ist die Kategorie des Hausherrn nur formal.Rolle und Würde der Hausfrau wird rückwirkend von Anzahl, Alter und Beschaffenheitihrer Kinder bestimmt. Die erste Kriterienachse bezieht sich auf die Altersklassenunter-schiede, mit der Verheiratung und der Kindeshaltung wird aber auch der Status relevant;gerontokratische Verhaltensformen setzen auch soziale Akzente. Besungen wird: dasNeugeborene, das Kleinkind, das Schulkind, heiratsfähiger Sohn/ Tochter, erwachsenerSohn/ Tochter, die Jungvermählten. Im Rückbezug auf die Wertposition der Hausfrau/Mutter stehen Kategorien wie: erstgeborener Sohn, einziger Sohn, einzige Tochter, Enkel,kinderlose Frau usw. Die Wertpräferenz liegt auf zahlenmäßig großem, maskulinenNachwuchs. 195 Altersmäßig gibt es dann auch Nuancen wie: Mann mit weißem Haar,säugende Mutter, junger Mann mit häßlicher Frau, junger Mann mit liebender Frau,junger Mann, der seine Braut ohne den Rat der Eltern sucht( wird verspottet), alterHaudegen usw. Auf den Status beziehen sich: unverheirateter Hausherr, Ausgewander-ter, Schriftkundiger( Sonderstellung), Fremder usw. Deutlich sozial fixierte Positionensind in der Liste der Professionen zu erkennen: die Dorfhonoratioren Bürgermeister/Dorfvorsteher( mit Frau), Priester( mit Frau), Lehrer sowie generell die Alten( Männer).Standardberufe wie Bauer, Viehzüchter, Hirt, Kirchensänger usw. sind in der Liedtypiklaufend vertreten. Spezielle, topographisch determinierte Berufe wie Kaufleute, Offi-ziere, Bienenzüchter, Töpfer( Rhodos), Matrosen, Maurer usw. sind seltener. Ansatz-weise ist auch ein ökonomisches Kriteriensystem mit den Polen Arm/ Reich zu erkennen:Großbauer, Pferdebesitzer, der Arme.- Im allgemeinen wird auch ein Lied auf ,, dasHaus"( Identität von Wohn- und Blutsgemeinschaft) gesungen; Nichtöffnende werdenverspottet und beschimpft; bei trauernden Familien singt man meist nicht( temporärerAusnahmestatus). 196
6) Atiologie und Finalität
Ursache und Zweck einer Brauchhandlung nehmen, aufgrund der spezifischen Exi-stenzform der rezenten Braucherscheinungen im vorgegebenen Kulturraum, an mehrerenBedeutungsfeldern teil. Über das Warum und Weshalb ist von den Brauchträgern seltenAuskunft zu bekommen. Aber Aktion, Reaktion und Interaktion stellen selbst eine Art,, Sprache" dar, nonverbal zwar, aber nicht bedeutungslos. Die deutlich wahrnehmbareFinalität des Sammelumzugs ist die Gabenkollektion, der Grund ein Fest- bzw. Brauch-termin, an dem der Umzug traditionsgemäß stattfindet. Seine Funktion kann ankündigend,abschließend, gemeinsamkeitsbewußtseinsfördernd, emotionsabführend, initiierend, so-zialisierend oder sonstwie sein- die Legitimität des Bestehens beruht auf Tradition.Das Beharren der Primärinterpretation auf einer handgreiflichen Bedeutungsebene, ohneauf einen hypostasierten„ eigentlichen" Untergrund zu rekurrieren, hat zunächst denVorteil, das ganze Phänomenspektrum der Bräuche in ihren verschiedenen Dysfunktions-stufen ,,, Säkularisierungs"-Phasen, Infantilisierungs- und Simplifizierungsgraden defini-torisch subsumieren zu können im Begriff einer traditionsorientierten, termingebundenen
195 Die Gründe dafür sind in anderem Zusammenhang noch zu klären.
196 Zu den Wertvorstellungen der Speziallieder vgl. Vorbemerkung zu 1.3.2.1.
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