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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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( Glück, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Wohlfahrt usw.) zur Formulierung kommt und umderetwillen der Umgang letztlich durchgeführt wird.

3) Morphologie

Zu einer statistisch ausreichend abgestützten, alle Exekutionspossiblitäten umfassen-den Morphologie reicht die Qualität der Quellen in bezug auf den Detaillierungsgradder Informationen nur zum Teil aus. Umgekehrt wurden durch die bereits vorgenom-mene Kategorisierung wesentliche Variable schon erfaßt und sind in der Statistik 151zahlenmäßig aufgeschlüsselt. 152 Es bleibt also die Interpretation gewisser Restvariablen,die ausreichend belegt sind und hermeneutisches Interesse aufweisen. Die Feindifferen-zierung ist allerdings durch eine erhebliche Ausfallsquote bei den Detailinformationenbehindert. Der Aussagewert liegt aber nichtsdestoweniger noch über der Signifikanz-schwelle.

Da Symbolobjekte, Lieder und Termine schon behandelt wurden, bleiben noch Aus-führende, Geschenke und Tageszeit näher zu bestimmen. Bei der Bestimmung der Exeku-tierenden nach Alter und Geschlecht zeigt sich bei einer Minderheit deutlich eine initiato-rische Funktion des Sammelumzuges. Hiefür kommt allerdings nur das Pubertätsalter inBetracht. Die Mehrzahl der Umzüge werden jedoch von Kindern ausgeführt. 153 Bei dernäheren Bestimmung der Gruppenbildung ist das Zahlenmaterial häufig irrepräsentativ,was auf die Deskriptionsmängel der Quellen zurückzuführen ist. Immerhin sind aber ge-

151 Vgl. den Abschnitt zur Statistik im 1. Teil der Arbeit.

152 Der Klassifizierung des Fallmaterials liegt das Modell einer progressiven Objektivierung( Materialisation, Konkretion) des während des Umgangs sich aufbauenden ,, Kraft"-Feldes zu-grunde, in welchem Prozeß es irgendwann zu ,, theatroiden" Manifestationen kommt. Eine solcheGliederungsweise entspricht den Zielen der Untersuchung, ist aber selbstverständlich nicht dieeinzig mögliche: Lukopulos- Petropulos, 1949: 1 ff. haben eine theoretische Systema-tisierung von Kult"-Erscheinungen vorgenommen, die auf das Entwicklungskontinuum Simpel-Komplex hin angelegt ist. Die Autoren unterscheiden eine erste Stufe( 1), in der Schreie, Rufe,Lärmen, Schnarren usw. ein unartikuliertes Apotropäum bilden,( 2) einfache Worte und Rhyth-men: Anrufungen, Schwüre, Wünsche, Gegenwünsche, Hymnen, Flüche, Lieder; nach dieser arti-kulierten Stufe kommt es zu Körperbewegungen mit oder ohne Rhythmus( 3): Tanz, Sprung, Ge-bärden, Kniefälle, Umarmungen; die höchste Strukturstufe vor der Synthetisierung aller Elementebilden magische Handlungen( 4) wie Opfergaben, Opferungen, Feuerentzünden, kathartischeHandlungen, generell: Ritus. Eine fünfte Kategorie erfaßt die Kombinationsmöglichkeiten dervorausgegangenen Entwicklungsstufen. Dieses Kultschema deckt sich in manchem mit demunseren- das allerdings nicht Allgemeinheit beansprucht, sondern an das empirische Materialgebunden bleibt, setzt aber die Schwerpunkte doch anders, nämlich auf zunehmende Struktur-komplexität, ein Phänomen, das auch an den vorliegenden Daten ablesbar ist, aber Begleiter-scheinung bleibt, da die Studie andere Ziele verfolgt. Ähnlich diesem Parallelgehen der Komplexi-tätsgrade wird man auch eine Stufenfolge von Sakral- Profan bzw. Religiös- Säkular, nicht unbe-dingt parallel dazu, feststellen können. Durch die Sekundärüberarbeitungen aus dem Christentumsind die Verhältnisse allerdings kompliziert. Von Evolution wird man nur im Sinne eines Arbeits-begriffes sprechen können. Die diachrone Brauchpraxis bleibt aufgrund der Quellenlage im Halb-dunkel.

153 Hier könnte man ev. von einer sekundären profaninitiatorischen Funktion sprechen,nämlich der Sozialisation. Das Kind lernt die Dorfbewohner, Familienzusammensetzung( Spezial-lieder) usw. kennen. Unter diesem Aspekt hat der Brauch eine Intensivierung der Interaktions-tätigkeit der latenten Bezugspartner in der Dorfgruppe zur Folge. Im gehobenen Wir- Bewußt-sein am Festtag liegt eine konvergenzstärkende und den Unifikationstrend nachhaltig festigendeWirkung. Der Knabe/ Bursch tritt damit auch in den Kreis der Ehespekulationen töchterhabenderHausfrauen, so daß Brauch, Ausführung, Liedsingen usw. einen nicht eben geringen Informa-tionswert über Person, Charakter, Habitus und Körperkraft der männlichen Dorfjugend, aus dersich die künftigen Freier" rekrutieren, besitzen. Auch aus diesem Grunde zeigen sich die Aus-führenden von der besten Seite( Festkleidung, Ehrerbietung, Gelegenheiten zu Mut- und Kraft-proben). Ähnliches gilt für die Mädchen bei den Lazaruskalanda.

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