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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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Chormovas,

171.

1964: 31. 437) xólavra( 2 c) Mammopulos, 1964: B'

1.3.2.2. Strenge Gruppenorganisation

Eine solche tritt vor allem unter den Mädchen bei den Lazaruskalanda, unter denBurschen bei den Zwölftenkalanda auf. In beiden Fällen legt die oft strenge Alters-bzw. Statusbegrenzung eine initiatorische Funktion des Sammelumzugs innerhalb einerAltersgruppe nahe. Die Mädchen verlassen in einigen Fällen jeden Abend ihr Haus, ler-nen zusammen die Lieder und schlafen zusammen in einem fremden Haus. Sie gehören ingewisser Weise wochenlang nicht ihren Familien an. Ähnliches geschieht manchmal beiden Zwölftenkalanda der Burschen: Sie ziehen in fremden Dörfern umher, keiner darfvor Ablauf der Frist in seinem eigenen Haus schlafen, der Anführer der Gruppe hatabsolute Befehlsgewalt über die Mitglieder. Beim Zusammentreffen zweier Gruppenmuß sich eine unterwerfen, d. h. unter den gekreuzten Schwertern der anderen Gruppe,, durchmarschieren. Verweigert sie dies, so kommt es zu einem erbitterten Kampf Manngegen Mann, der in früheren Zeiten manchmal in blutigen Gemetzeln endete. Namenvon Lokalitäten zeugen von solchen Blutbädern, wo ganze Dörfer ihre Jugend verloren.Aber auch bei den, friedlichen" Lazaruskalanda gibt es Hinweise auf ein Kräftemessenzwischen den Gruppen: Der männliche Korbträger wird von den Mädchen auch in Hin-blick auf seine Körperkräfte ausgewählt. Auf die initiatorische Bedeutung des Sammel-umzugs in allen diesen Fällen weisen drei Fakten: die Entfernung von der Familie( vomHaus), oder psychologisch ausgedrückt: die Fremdidentifikation des Individuums miteiner künstlich geschaffenen Altersgruppe( nicht mit dem Familienverband), die absoluteUnterwerfung des Eigenwillens unter einen Fremdwillen, und drittens die totale Wid-mung an eine Aufgabe, hier dem Sammeln und Singen. Die Rolle des Anführers spieltbei den Lazaruskalanda der Mädchen die Hausfrau des Hauses, in welchem sie schlafen,oder mehrere alte Frauen. Kirche und Schule haben sich diesen Brauch in manchen Fäl-len für ihre Zwecke zunutze gemacht. Der Zusammenstoß der Gruppen fordert noch zueiner Erklärung heraus: Die gesammelten Geschenke allein rechtfertigen einen solchenKampf bis auf das Messer nicht. Auch räuberische Mentalität und Faustrecht erklärennicht viel, da im Verhältnis der Dörfer zueinander friedliche Symbiose die Regel ist.Einen Hinweis aber enthält die Epitaph- Prozession: Auch hier gilt es als schlechtes Zei-chen, wenn jemand den vorhergesehenen Weg kreuzt. Im Falle der Kalanda sind es aberGruppen, die alle dasselbe Geschäft betreiben. Ebenso wie die Reaktion auf die Ge-schenkverweigerung eine deutliche Differenz zur normalen Verständlichkeit zeigte, trittauch hier eine, überhitzte" Reaktion auf, die noch auf andere Bedeutungsschichten desSammelumzugs hinweist. Die Gruppe, die sich ergibt, verliert nicht nur den Anspruchjedes einzelnen, als voller" Mann zu gelten, d. h. dem Männlichkeitsideal der leventiazu entsprechen( wo sich der Mann eben niemals freiwillig ergibt), sondern verliert auchetwas von jener Kraft, um deretwillen der Umzug gemacht wird: jene Kraft, die in derhermetischen Abgeschlossenheit der Gruppe gehütet und im Zuge des Sammelumzugesgesteigert wird, und sich gleichzeitig auf die Angesungenen oder Angesprochenen, oderschon durch die bloße Anwesenheit, überträgt. Die Kraftkonzentration, die durch dieseGruppenbildung, quer zum üblichen Familien- und Sozialverband, geleistet wird, derenBesitz sorgsam bewacht und deren Übertragung nur unter streng befolgten Regeln durch-geführt wird, scheint besonders kritischen Anlässen zu entsprechen: dem Jahreswechsel( Zwölften), dem Wechsel vom Winter zum Sommer( Lazarus und Christus als aufer-stehende Vegetation), dem Wechsel vom Kindes-( Pubertäts-) alter zum Erwachsenen-alter. Als Initiation einer Altersklasse und als Jahreslaufzeremonie wäre der Sammel-umzug mit strenger Gruppenbildung in zweifacher Hinsicht rite de passage( von Gen-

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