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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
Entstehung
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Auf die Würdigung der Sprachgenese und Dialektzonengliederung der nicht helle-nophonen Sprachgruppen muß nicht zuletzt wegen der Komplexität der damit aufge-worfenen Probleme hier verzichtet werden.

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0. 9. Exkurs zu Musik und Tanz

Naturgemäß kann dieses Thema hier nicht ausgeschöpft werden, der intensive Zu-sammenhang aller Dromena mit Musik, Tanz und Lied( Sprache) verpflichtet aber zueiner zumindest ansatzweisen Behandlung. Man findet das gesungene Lied fast immerin Verbindung mit Begleitmusik, oft auch Tanz bzw. Tanz und Begleitmusik allein. Dasgrundlegende Element ist die Musik.

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Georgiades 88 hat überzeugend dargetan, daß sich die altgriechische μovoxnicht nur auf die ,, Musik", sondern auch auf die Sprache bezog. Wie die Melodie einrhythmisches Schema erfüllt, so die Verse das Metrum. Rhythmus, Musik, Vers undTanz 84 stehen also im Interdependenzverhältnis zueinander. Rhythmus aber ist geord-neter ,,, künstlicher" Lärm, der die, natürliche" Stille unterbricht und die Zeit in Sek-tionen teilt, somit beherrschbar macht. So entsteht die ,, Sakrale Zeit" aller Ritualhand-lungen. 85 Die Rhythmisierung" eines Zeitabschnitts bzw. des gesamten Lebens waralso eine der größten schöpferischen Leistungen des, vorzeitlichen" Menschen. 86 DerSinngehalt der Musik besteht in der Erfüllung" des Rhythmus mit einem Melos, nichtin diesem selbst. Darin besteht einer der wesentlichen Unterschiede zwischen anatolischerund okzidentaler Glossar ::: zum Glossareintrag  okzidentaler Musik. 87 Da dem Melos nicht die eigentliche Bedeutung zukommt,sind die Tonskalen auch mangelhaft fixiert, Vierteltonschritte und noch feinere erlaubenunendliche Variationen und Improvisationen, was die Notation der Lieder im, europäi-schen" Notensystem erschwert. 88

83 1961: 7.

84 So lautet eine bezeichnende Kapitelüberschrift bei Georgiades, 1961: 7.

85 Eliade, 1954: 438 ff. Diese periodisch- wiederkehrende Heilige Zeit ist transhistorisch( mythisch), unterliegt nicht den profanen Zeitregeln, ist ein Stück Zeitlosigkeit, in dem die Men-schen die Anfangstat der Götter rituell wiederholen.

,,...

86 Georgiades, 1961: 65 vertritt die Ansicht, daß der Rhythmus die Ansatzflächezum Bewußtseinsaufbau des antiken Menschen gewesen sei: daß der Rhythmus in der Antikezwar eine autonome, exakt darstellbare musikalische Seite hat, daß er aber, tiefer erfaßt, zumTräger des Sinngehalts wird, zum wesentlichen Merkmal jener Kontaktfläche, an der der Menschsich selbst entdeckt...".

87 Stratu, 1966: 33 ff. sieht im Sinne des musikalischen Systems Neugriechen, Türken,Balkanslawen, Bulgaren und Araber als zusammengehörig an. Diese Gemeinsamkeit rekurriertnicht nur auf die verbindenden Herrschaftssysteme der Osmanen und Byzantiner, sondern fußtauch wesentlich in den antiken Tonskalen, die im Okzident Glossar ::: zum Glossareintrag  Okzident weiterentwickelt wurden zur heutigenDur- Moll- Struktur. So etwa ist die ausgebaute Polyphonie im Osten unbekannt, die meistengriechischen Volkslieder sind monodisch. Bezeichnenderweise gehen von den 1108 aufgezeichnetenneugriechischen Volksliedern 691 auf eine der antiken Tonsysteme zurück( meist dorisch oderäolisch, weniger lydisch und mixolydisch), 91 sind rein chromatisch- orientalisch Glossar ::: zum Glossareintrag  orientalisch, 142 von ge-mischtem Charakter und nur 184 folgen dem Dur- Moll- System, wobei man wahrscheinlich mehrals die Hälfte den unter venezianischer Herrschaft stehenden Ionischen Inseln zuschreiben darf( Michaelides in Wünsch, 1966: 153 ff.). Auch die Vortragsart nimmt auf dieSprache z. T. wenig Rücksicht: Beim Singen wird manchmal der zweite Teil des Dekapentasyl-labos refrainartig wiederholt, und zwar so, daß jeder Liedvers aus 11/2 geschriebenen Versen be-steht, wobei die letzte Vershälfte des vergangenen Verses wiederholt und dem folgenden Vers vor-angestellt wird. Diese Verkettung führt zu einer Textdehnung, die Spannung erzeugt, dann aberdurch das ewige Rückgreifen beim ungeübten Hörer Ermüdung erweckt. Diese Vershalbierungwird rein metrisch vollzogen und nimmt auf den Sinnzusammenhang keinerlei Rücksicht. DieSilben werden quantitativ als Versbausteine behandelt und nicht qualitativ als wortkonstituie-rende Lautgebilde( Baud- Bovy, 1936).

88 Zur Musiktheorie vor allem Lambelet, 1934: 1 ff. und Michaelides inWünsch, 1966: 153 ff. Georgiades, 1961: 56: Der Rhythmus erscheint wie die uralteGußform, die alle diese Melodien prägt."

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