auftreten), also im Übergang von der latenten Existenz von Theater im Kultzeremoniellzur bewußten Institutionalisierung, scheint ein besonderer Stimulus notwendig, der durchautoritäre Eingriffe, schöpferische Persönlichkeiten, durch Akkulturationen, Diffusionenoder Adstratbildungen bewirkt wird. An dieser, manchmal fiktiven, manchmal historischnachweisbaren Grenze macht die vorliegende Studie halt, d. h. ,, Theater" bzw.„, Drama"im alltäglichen Sinne kommt gar nicht zur Sprache.
Wohl aber der Theaterbegriff. Indem man bewußt über den gängigen Begriffhinausgeht, werden die eigentlichen Grenzlinien desselben erst erfragbar. Das methodi-sche Ziel des Aufwerfens der Problematik einer Maximaldefinition, die den Begriffsbe-reich von außen her absteckt, ist in dem Augenblick aktuell, wo Theaterwissenschaft inKontakt mit der Kulturanthropologie kommen will, die deren Forschungsobjekt ausmethodischer und begrifflicher Ratlosigkeit mehr oder weniger vernachlässigt.
Die Leithypothese, die gleichsam den theoretischen Einstieg in den faktischen Sach-verhalt vermittelt und im Zuge der Gedankengänge retrospektiv hinterfragt wird, ist,daß die Entwicklung von Theater auf weite Strecken von der Struktur des Sammelum-zuges( Heischegang, Bettelumzug; strukturell: zyklische Prozession) getragen wird. Diealetische Validität dieser vorläufigen Annahme ist die einer wahrscheinlichen unter meh-reren möglichen. Als Medium der Exemplifizierung dieser Hypothese wurde das Jahres-laufbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag laufbrauchtum vorwiegend hellenophoner Balkan- und Mediterranzonen gewählt. Esgeht nicht um die Nachzeichnung realer Theaterentstehung an einem bestimmten Ort,sondern um die Rückführung einer theaterkonstituierenden Struktur auf ihre vorstruk-turellen Anfänge, nicht um die faktisch- sukzessive Stadienabfolge einer Theaterevolu-tion, sondern um die Simultanerfassung theatralischer Epiphänomene mit einer durch-gängigen Struktur, die eine potentielle Theatrogenese aus diesen Brauchformen denkbarerscheinen läßt. Als in diesem Sinne potentiell„, theatrogen" hat sich das Jahreslauf-brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag brauchtum im genannten geographischen Bereich in hohem Maße erwiesen. 11
Diese Ergebnisse sind natürlich kulturkontextgebunden und nur unter methodischenVorbehalten auf andere europäische Kulturräume zu übertragen. Die Teilhomogenitätder angesprochenen historischen Kulturschichten und kulturgeographischen Zonen läßtaber eine gewisse Kommensurabilität mit angrenzenden Räumen aletisch nicht eben un-verantwortlich erscheinen. Das erstellte Modell wird allerdings seine Anwendbarkeit ananderen Datenfeldern zu prüfen haben. Seine Brauchbarkeit ist wahrscheinlich, weil esaus qualitativ( kulturschichtenmäßig altartig) und quantitativ( zahlenmäßig) hochwerti-gen( in bezug auf das Untersuchungsziel) Daten erstellt ist. Vorerst hat es aber nur theo-retischen Ordnungs- und Erkenntniswert, sein aletischer Stellenwert ist allgemein nichtfixierbar und nur in diesem geographischen Rahmen gültig, bis nachsetzende Unter-suchungen einen gegenteiligen Beweis erbringen.
Das Material wurde nach dem Gesichtspunkt zunehmender Komplexität der An-reicherungen an die Grundstruktur geordnet. Zur zyklischen Prozession treten Aktionund Maskierung, die ihrerseits den Rollentyp konstituieren. Dabei ist die Prozessions-struktur oft nur latent vorhanden( immerhin in 55,3% bei Maskierung und Rollentypexplizit nachgewiesen) und wird von der Rollenstruktur abgelöst. Die Zyklokinese über-trägt sich beim„, Seßhaft- Werden" des Theaters auf den Zuschauer, der selbst den Wegzum Spielort antreten muß( und den Rückweg nach Hause), wo früher die Agierenden
11 Einen anderen Zugang vermittelt das Hochzeitsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Hochzeitsbrauchtum, wo es ebenfalls zu theatroi-den Manifestationen kommt( z. B. Žatko, 1967: 137 ff.). Doch scheint die ungesicherte Häu-figkeitsdichte in der jeweiligen Kommunität ein Handikap der Entwicklungschancen zu sein, ob-wohl Jahreslauf- und Lebenslaufbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Lebenslaufbrauchtum eng zusammenhängen( vgl. die vielen Hochzeitspa-rodien im Karneval). Die Verifizierung einer solchen Vermutung bedarf allerdings noch eigenerUntersuchung.
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