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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
Entstehung
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Einleitung

Das sogenannte Volkstheater hat in der Geschichte des Europäischen Theaters mehr-fach eine entscheidende Rolle gespielt. Im synoptischen Überblick scheinen dabei dielokal- und termingebundenen nonprofessionellen Formen historische( ,, genetische") Vor-gängigkeit zu besitzen, d. h. die oikotypischen Formen präsentieren sich in der Retro-spektive als Keimzellen nachfolgender Entwicklungen zum professionellen Wandertrup-pentheater hin, zu höfischen Aufzugsspielen oder zum sogenannten Bauerntheater. Greif-bare Kulminationsperioden solcher Entwicklungen scheinen die vorklassische Antike( griechische wie römische) und das ausgehende Mittelalter zu sein, das Auftreten und dieVernutzung solcher Formen in der Hochkultur glaubt man in synkretistischen Phasenwie dem Hellenismus und Barock- Manierismus beobachten zu können. Der Genese-Aspekt dieser Theaterformen ist zum Gegenstand bedeutender, nicht immer ganz ideolo-giefrei geführter Kontroversen geworden. 1 Vor allem die Materialsammlungen vonChambers, 2 2 Reich und Sathas 4 entfesselten die Diskussion in der Medi-ävistik, Dawkins' 5 Beschreibung einer Karnevalsszene im Südostbalkan, die einModell vorthespischer Dramenstruktur zu sein schien, in der Altphilologie, Archäologieund Volkskunde. Die Evidenz der vertretenen Positionen und der allgemeine Charakterder Diskussionen bleibt bis zu einem gewissen Grad unausweichlich hypothetisch, wennman die bruchstückhafte Kenntnis der Alten Welt durch bewußte und zufällige Quellen-selektion, die kirchendogmatische und reichsideologische Wirklichkeitsperspektive desMittelalters( das gilt für Byzanz wie für den Westen) in Rechnung stellt, die gerade dieVorformen des Theaters entweder der Mühe der Aufzeichnung nicht für wert hält, odersie als Teufelswerk in Deskription und Funktion entstellt und verketzert.

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Die ehemaligen Herrschaftsgebiete des osmanischen Reiches weisen grob und ver-einfachend gesprochen aufgrund der konservierenden, dem Rajah eine gewissen Lo-kalautonomie zugestehenden türkischen Verwaltungspraxis ein cultural lag" 6 von400-500 Jahren gegenüber dem übrigen Europa auf, d. h. das, Mittelalter" reicht hierbis zum Vorabend der einzelnen Befreiungsbewegungen der heutigen Balkanstaaten im19. Jahrhundert( und bis zum Beginn des 20.); funktionierende Enklaven der ehemaligenVolkskultur sind z. T. bis zum Zweiten Weltkrieg, in einigen Fällen bis in unsere Tagehinein zu beobachten. Deshalb kommt den Ergebnissen der Balkanologie in der verglei-chenden europäischen Kulturgeschichte eine Sonderstellung zu.?

1 Vgl. etwa die ganze Kontroversliteratur um den Hartl- Stumpf 1- Streit zur Ent-stehung des mittelalterlichen religiösen Dramas oder die Auseinandersetzungen um Krum-bacher Sathas- Reich zur Existenzform des byzantinischen Mimus und zum Besteheneines ostkirchlichen religiösen Dramas.- Auf diese Fragen wird in 2.1., 2.2. und 2.3. noch de-tailliert eingegangen.

2 Chambers, 1925.

3 Reich, 1903.

4 Sathas, 1878.

5 Dawkins, 1906: 191 ff.

6 Der von Ogburn, 1922 kreierte Begriff, etwa mit kultureller Phasenverschiebunggleichzusetzen, wurde von Friedl, 1964 mit Erfolg auf die angesprochene geographische Zoneangewendet.

7 So können z. B. Rückschlüsse von der Vortragstechnik der balkanischen Heldenlieder( mit

2 Puchner

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