Alphabet- Schüsseln aus Oberösterreich
Von Leopold Schmidt
Es sind vierundzwanzig Regenten auf Erden,Durch die muß die ganze Welt regiert werden.Sie essen kein Brot, sie trinken keinen Wein,—Rat, was das für Herren sein! ¹)
An das alte weitverbreitete Volksrätsel muß man denken, wenn man im Österrei-chischen Museum für Volkskunde vor den zwei hafnerkeramischen bemalten Ton-schüsseln steht, die als ihre wesentlichste Verzierung das Alphabet aufweisen. Eshandelt sich um Schüsseln aus der Blütezeit der barocken Volkskunst in Österreich,also jenem Jahrhundert zwischen 1650 und 1750, in dem ein wesentlicher Teil desländlichen Möbels wie des Geschirres wie auch der ständisch gebundenen Festtrach-ten entstand, der auf lange Zeit den Eindruck der Volkskunst im Lande bestimmensollte. Der Herkunft nach handelt es sich um zwei Schüsseln aus Oberösterreich, ge-nauer eingegrenzt aus dem Traunviertel, also dem Gebiet zwischen der Enns imOsten und dem Hausruck im Westen, wo in das breite Vierkanterland wichtige zen-trale Orte wie die alte Eisenstadt Steyr eingebettet sind.
Bei den beiden Schüsseln handelt es sich um älteren Bestand des Museums, dieschon vor ihrer Erwerbung für das Haus in der Laudongasse längere Zeit im Besitzvon Sammlern gewesen sein dürften. Das gilt vor allem für die
1. Zwiebelschüssel tiefer Form, mit einem oberen Durchmesser von42 cm. Die hafnerkeramische Schüssel weist einen hellrotbraunen Fond auf, derGrund der steilen Wandung ist dunkelbraun, und darauf sind drei große hellbrauneBlüten gesetzt, die man herkömmlicherweise als Tulpen anspricht; zwischen ihnensteht je ein hellgrünes Blatt. Am Rand der Schüssel steht dann das Alphabet, mit30 Zeichen, also mit einigen Verdopplungen, weil beispielsweise außer dem ,, z"auch das ,, tz" aufgenommen wurde. Von je zwei Schrägstrichen begrenzt, steht inder gleichen Randzeile die Jahreszahl 1691, zwischen den konzentrischen weißenKreisen, welche diesen Rand begrenzen. Nach außen wird die Schüssel durch einenaufgebörtelten Saum abgeschlossen. Die Schüssel wurde bereits 1917 von dem be-rühmten Keramiksammler und-forscher Alfred Walcher von Molthein erworben. 2)Inv.-Nr. 36.033
Der Machart und dem Farbeindruck nach gleicht die Schüssel manchen ande-ren hafnerkeramischen Schüsseln im Museum und verwandten Stücken in anderenSammlungen. Von den Sammlern und Antiquitätenhändlern wurden diese Stückeals ,, Zwiebelschüsseln" bezeichnet, obwohl auf ihnen niemals Zwiebelmuster ge-zeigt werden. Der Verwendung nach werden sie meist als Knödelschüsseln angespro-chen. Wenn sich ein angeformter Napf in der Mitte befindet, spricht man auch vonNockenschüsseln, wie dies beispielsweise Arthur Haberlandt tat, der nach dem Endedes Ersten Weltkrieges die volkskundlichen Bestände des Heimathauses Steyr be-
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