Volkskunst
Einige sehr persönliche Gedanken zu einem scheinbar bedrückenden Thema¹)
Von Helmuth Huemer
I.
Niemals hat man im österreichischen( und deutschen) Volk soviel über Volks-kunst gesprochen und geschrieben wie in unserer Zeit. Genauer gesagt seit etwa1950, als der konzessionslose Wiederaufbau nach dem 2. Weltkriege mit Hochdruckbegann und die im 19. Jahrhundert spürbar gewordenen Entwicklungen nachvollzo-gen wurden. Entwicklungen, die durch die theoretischen Erkenntnisse der Naturwis-senschaften und deren praktische Umsetzung auf den Gebieten der Technik began-nen und die eine ,, grundlegende Veränderung der Infrastruktur des Volkes❝2) zurFolge hatten. Wir durchleben überhaupt eine Phase von raschen und grundlegendenVeränderungen, wie sie die Menschheit noch nie gekannt hat, und eine Anpassungan die sich überstürzenden Verhältnisse ist dem physischen und psychischen Orga-nismus ,, Mensch" gegenwärtig kaum oder nur sehr unzulänglich möglich. Es magdies ein Grund dafür sein, daß die verschiedensten Gegensätzlichkeiten nebeneinan-der auftreten. Auch die Ansichten über den Problemkreis ,, Volkskunst" gehen ex-trem auseinander. Die einen schreiben Abhandlungen über die ,, Volkskunst nachihrem Ende³) und bezeichnen alle diejenigen als Romantiker, die ihre Arbeit demWeiterleben der tradierten Bauern- und Handwerkskunst widmen- und die damitmeistens einen riesigen und scheinbar anhaltenden Erfolg bei den breiten Massenernten. Letztere wiederum bemäkeln die ersteren oftmals als destruktive ,, Linke";jedenfalls scheint man in der neueren Volkskundeforschung ohne Adorno- undHorkheimer- Zitate nicht mehr auszukommen wobei natürlich nichts gegen die
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beiden zeitgenössischen Philosophen gesagt sein soll.
Alle Richtungen sind sich aber darin einig, daß das Erscheinungsbild der Volks-kunst mehr als jemals zuvor fragwürdig geworden ist, und viele scheuen sich, dasWort überhaupt auszusprechen. Und wenn sie es tun, dann nur deshalb, weil sie fin-den, daß kein besserer Ausdruck vorhanden ist. Wenn aber ein Problem auf derHaut brennt, dann ist es wiederum natürlich, daß man den tausend vorhergegange-nen Überlegungen noch eine weitere und immer wieder eine weitere hinzufügt. Daswollen auch wir versuchen, uns aber gleichzeitig unserer Unzulänglichkeit bewußtsein.
II.
Die wesentlichen Definitionen sind bekannt. An Stelle ihrer Wiederholung mö-gen die Namen derjenigen stehen, die richtungweisende Aussagen zum Gegenstandgemacht haben 4):
Alois Riegl hat 1894 die erste Begriffsbestimmung versucht, dann kommen Eu-gen Mogk, Michael Haberlandt und L. Rütimeyer. Die Ansichten von Hans Nau-
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